Die Internationale Sommerschule Seggau 2009
Vom 27. Juni bis 11. Juli 2009 fand auf Schloss Seggau unweit der österreichisch-slowenischen Grenze in der südlichen Steiermark zum vierten Mal die „Internationale Sommerschule Seggau" (ISSS) statt. Alyssa Rivera, eine 20-jährige Amerikanerin mit kubanisch/spanischen Wurzeln -, die an der Universität von New Mexico in Albuquerque studiert, hat an der diesjährigen Sommeruniversität teilgenommen. Im folgenden Artikel beschreibt sie ihre Eindrücke von der ISSS.
Der amerikanische Autor Mark Twain schrieb einmal: „Bildung besteht in erster Linie aus dem, was wir verlernt haben". Erfahrung, so heißt es, ist die brutalste aller Lehrerinnen, doch auch die Wichtigste. Die Erfahrung des Zerstörens dessen, was wir in der Schule und in der Gesellschaft, durch die Medien und in Form von Stereotypen gelernt haben, ist die wichtigste Form des „Verlernens" (unlearning), wie Mark Twain es nannte. Es ist unmöglich, sich von Perspektiven zu lösen, und genau diese Perspektive ist es, die die Welt bunt macht, die sie mit interessanten Drehungen und Wendungen und vielen Herausforderungen schmückt. Die im idyllischen Süden Österreichs stattfindende ISSS dauert zwei Wochen und bringt 76 Studenten aus 24 Ländern zusammen, die über „heiße" Themen wie Politik, Wirtschaft, Medien, Religion und Kultur diskutieren. Sie ist eine einmalige Bildungserfahrung, die die Brille, durch die man die Welt betrachtet, beeinflusst und neu definiert.
Vom Augenblick an, an dem man in Schloss Seggau eintrifft, werden die oben genannten Stereotype unmittelbar zerstreut. Zu Beginn des ersten Kurses sind eine ganze Reihe von Fragen zu beantworten: „Wie heißt du?", „Woher kommst du?" Die Teilnehmer werden zunächst einmal ihrer Nationalitäten nach eingeordnet, später jedoch, wenn sich Freundschaften gebildet und während der intensiven Diskussionen im Rahmen der Kurse und Seminare oder im gedämpften, angenehmen Licht der Studentenlounge gefestigt haben, wird die Nationalität zu einem der nachrangigerenen Faktoren für die Definition der eigenen Persönlichkeit. Auf diese Art werden Stereotype über Bord geworfen und Gemeinsamkeiten zunehmend wichtiger als Unterschiede.
Die ruhige Schlossumgebung, die mit den für die Steiermark typischen roten Dachziegeln gedeckten staatlichen Gebäude, die perfekt angelegten Blumenbeete und Springbrunnen lassen keineswegs auf das bewegte und bunte Leben hinter den Mauern schließen. Der akademische Tag der Studenten beginnt mit dem Weckruf zum Frühstück.
Die Sommerschule Seggau ist ein Bildungserlebnis, das mit dem der Tour de France für Radfahrer vergleichbar ist. Dies mag sich ein wenig übertrieben anhören, ist aber gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt! Die wissenschaftliche Arbeit ist intensiv und äußerst anspruchsvoll. Es werden Seminare zu den unterschiedlichsten Themen angeboten; einige sind den Studenten vertraut, andere wiederum vielen kaum bekannt oder völlig neu. Die Gastprofessoren haben unterschiedliche Unterrichtsmethoden, vertreten verschiedene Standpunkte und präsentieren wichtige, interessante und mitunter kontroverse Themen. Die Dozenten sind wirklich eine der unglaublichsten Bereicherungen, die die Sommerschule zu bieten hat. Sie kommen aus aller Herren Länder und kennen sich in ihren jeweiligen Fachbereichen nicht nur hervorragend aus, sondern unterrichten diese auch noch mit großer Begeisterung.
Die Studenten schrecken nicht vor Debatten und erhitzten Diskussionen zurück, die sich für gewöhnlich außerhalb des Kongresssaals, dem Vorlesungstreffpunkt, abspielen. Ihre Gespräche werden während der Mahlzeiten, im Freibad, im Weinkeller und bei Ausflügen fortgesetzt. Auch die Dozenten schließen sich nicht aus, man trifft sie in den Cafés und auf dem Schlossgelände; sie sind stets bereit, auf Fragen zu antworten oder mitzudiskutieren.
Die langen Studientage werden durch einen Besuch im Freibad, Volleyballspiele, Wanderungen durch die umgebenden Wälder und natürlich durch abendliche Festivitäten in der Studentenlounge unterbrochen. Das Leben zeigt, wie schön es ist, jung zu sein; es ist zudem ein leuchtendes Beispiel für positive Globalisierung. Mit so großartigen Dozenten, der Freundlichkeit und der Unterstützung der Direktoren, den offenen Einstellungen der anderen Studentinnen und Studenten macht Lernen Spaß. In der Freizeit lebt man wahrhaftig auf, man genießt das Leben in vollen Zügen, freut sich über die Sonne, lacht, wenn es regnet, und verbringt Zeit mit Menschen aus so vielen Ländern, die im Laufe der beiden Wochen von Fremden zu Freunden werden.
Wir werden nicht zu einem Schmelztiegel, sondern zu einem wunderschönen Mosaik. Unterschiedliche Menschen, Überzeugungen, Sehnsüchte, Hoffnungen und Träume. Wir waren Fremde füreinander, nun sind wir Freunde. Wir kamen aus den unterschiedlichsten Kulturen, aus der Wüste, aus den Wäldern, über Ozeane, aus allen Ecken der Erde. Wir waren Botschafter unserer Länder, Vertreter der großen Religionen und Weltanschauungen, ausgestattet mit Wissen und offen für Erfahrungen. Wir waren voller Begeisterung fürs Lernen. Das schöne Mosaik, wie es Jimmy Carter in seiner Dankesrede nannte, nachdem er den Friedensnobelpreis erhalten hatte, entstand aus der zufälligen Begegnung von nahezu 80 Studenten aus 24 Ländern, die für eine kurze Zeit ihres Lebens ein Stück des Weges gemeinsam gegangen sind, die eine Erfahrung gemacht haben, welche ihr Leben im Großen oder im Kleinen auf immer beeinflussen wird.
Alyssa Maria Rivera


