Die Internationale Sommerschule Seggau 2006
Als am Freitag, den 15. September 2006 die erste Auflage der 'International Summer School Seggau' mit einem kleinen Festakt abgeschlossen wurde, regnete es. Die 14 Tage davor: strahlender Sonnenschein. Symbolisch...?
Die letzten Wochen und Monate vor dem 2. September 2006 waren hektisch gewesen. Nach mehr als einem Jahr Pause sollte an diesem Tag wieder eine Sommeruniversität der COMECE beginnen - in einer neuen Konzeption und erstmals auch mit Partnern. Die ersten sechs Sommeruniversitäten in den Jahren 1999-2004 wurden von der COMECE hinsichtlich des Programms und der Finanzierung in eigener Verantwortung veranstaltetet. Sie richtete sich in erster Linie an junge MitarbeiterInnen der Bischofskonferenzen in Europa, innerhalb und außerhalb des EU-Raums. Nach drei Veranstaltungen in den 'alten Mitgliedsstaaten' und drei in den damals noch 'zukünftigen Mitgliedsstaaten' beschloss das Generalsekretariat, diese Initiative wegen des hohen Aufwands zu beenden. Fragen und Bitten ehemaliger Teilnehmer, diese in ihren Augen wichtige und einmalige Sache fort zu setzen führten dazu, die getroffene Entscheidung nochmals zu überdenken.
Während der Pilgerreise nach Santiago de Compostela im April 2004 entstand 'im Gehen' der Entwurf für eine neue Sommeruniversität, diesmal als Gemeinschaftsprojekt der COMECE, der Diözese Graz-Seckau (Österreich) und der Karl-Franzens Universität in Graz. Die erneuerte Initiative wendet sich an Studenten aller Fakultäten und Studienrichtungen, unabhängig welcher Glaubensrichtung sie angehören. Als formale Kriteria gelten ein akademisches Denkniveau, ein bereits abgeschlossener erster Studienabschnitt (Bakkalaureat) und die Beherrschung der englischen Sprache.
Der Gedanke dahinter ist relativ einfach und stringent: anders als die bisherige Sommeruniversität, die sich wesentlich an das 'forum internum' gewandt hatte, ist diese Sommeruniversität als ein Forum gedacht, auf dem Studenten die Begegnung mit Kirche und Glauben - im Besonderen im Hinblick auf ihr Engagement im Bereich der (europaorientierten) Gesellschaftspolitik - ermöglicht werden soll. Außerdem will die Sommeruniversität durch konkrete Begegnung und gemeinsames Arbeiten, Essen, Diskutieren und Feiern das notwendige Gespräch zwischen jungen Menschen aus den 'alten' und den 'neuen' Mitgliedsstaaten der Europäischen Union (und den anderen Ländern Europas) fördern. Schließlich soll auch Europa, soll die Europäische Union selbst unter verschiedenen Gesichtspunkten Thema dieser Initiative sein. Daher auch der Titel der Sommeruniversität 2006: "Staat - Gesellschaft - Religionen: Ebenen Europäischer Identität".
Finanziert wurde das Projekt durch Stipendien, die von einer Reihe von Stiftungen, Firmen, Gebietskörperschaften, Bischofskonferenzen und Einzelpersonen aufgebracht wurden. Dank sei den Förderern: soweit es sich bereits jetzt absehen lässt, konnten die Kosten gedeckt werden.
Das Programm wurde auf den inhaltlichen Entwurf hin geschrieben: an den Vormittagen der ersten Woche eine große Schlüsselvorlesung zum Hauptthema, die vom Dortmunder Politikwissenschaftler Prof. Thomas Meyer gehalten wurde. Die Themen seines Buches »Die Identität Europas[1]« bildeten den Rahmen für die Suche nach der/einer 'europäischen Identität': die beiden wesentlichen Formen der Demokratie (libertär/sozial), die Frage nach der Möglichkeit politischer und kultureller Identität, das Verhältnis zwischen Religion und Politik. Die weiteren Vormittage waren mit Vorlesungen zu 'Teilbereichen' gefüllt: Europa und Islam (Prof. Alibašić, Sarajevo), Europa und Migration (Jan Stuyt sj, Brüssel), Ex-Jugoslawien (Norbert Mappes-Niediek, Graz), Europäische Union und Demokratie (Friedhelm Frischenschlager, Brüssel) und die Alpe-Adria-Region (Prof. Kucher, Klagenfurt). An den Nachmittagen besuchten die Studenten verpflichtend eines der fünf Seminare aus den Bereichen Recht, Ethik, Kunst, Geschichte und Wirtschaft. Über diese Lehrveranstaltungen mussten am Ende der beiden Wochen zwei Prüfungen abgelegt werden - sofern man Wert darauf legte, die Sommeruniversität mit zwei (im Fall einer Seminararbeit, die bis November 2006 einzureichen ist, vier) sogenannten ECTS-Punkten für das Studium zu Hause anrechnen zu lassen. Mehr als die Hälfte der Teilnehmer hat sich für die Seminararbeit eintragen lassen...
Die Abende waren entweder weiteren Vorlesungen gewidmet (Prof. Bodenheimer, Basel; Botschafter McDonagh, Rom; Andrej Blatnik, Lubljana), einem Film (Across Borders) oder blieben frei für das Gespräch - das ja eines der wesentlichen Ziele der Sommeruniversität war. So war Prof. Meyer oft bis spät am Abend im Cafe noch in Diskussion mit Studenten zu finden.
Abgerundet wurden die zwei Wochen durch einen Besuch in Graz am Samstag und eine Exkursion nach Lubljana, wo die Studenten unter anderem vom österreichischen Botschafter zu einem Mittagsimbiss empfangen wurden. Oder zumindest fast alle Studenten: für Studenten aus Mazedonien, der Ukraine, Albanien und dem Kosovo ist 'Reisefreiheit in Europa' derzeit nur ein schönes Wort - für sie musste wegen fehlender/verweigerter Visa ein Alternativprogramm gefunden werden.
Ein Resümee der Veranstaltung kann sicher erst nach einer gründlichen Evaluation gezogen werden. Trotzdem können wir bereits jetzt sagen: die Sommeruniversität war eine tolle Erfahrung - für die Teilnehmer und für die Lehrenden ebenso wie für die Organisatoren. Wir sehen bereits erwartungsvoll auf die beiden geplanten Fortsetzungen 2007 und 2008...
Michael Kuhn
Sarah:
Ich arbeite für die irische Bischofskonferenz. Die Sommeruniversität bietet mir die Gelegenheit, über Dinge denen ich in der täglichen Arbeit begegne, tiefer nachzudenken, - weil ich nicht immer genug Zeit zur Reflexion habe...
Anna:
Bei uns in Estland hatte ich bisher noch nie eine Gelegenheit, mit einem Türken zu sprechen. Die kleine türkische Gemeinschaft lebt sehr abgeschlossen und tritt fast nie in die Öffentlichkeit. Dafür gibt es jede Menge von Vorurteilen gegenüber der Türkei und dem Islam. Durch Serhan, Ismail und die anderen türkischen Teilnehmer konnte ich meine Vorurteile revidieren...
Thomas:
Eigentlich bin ich ja für die Teilnahme an der Sommeruniversität viel zu jung. Aber glücklicherweise wurde nicht ausschließlich auf das Alter und die Studienjahre geschaut. Ich genieße als zukünftiger Jurist in Graz hier in Seggau den interdisziplinären Ansatz: über den Gartenzaun des eigenen Studiums zu schauen und die anderen Dimensionen des Europäischen Integrationsprojektes wahrzunehmen. Ich werde davon viel in mein kommendes Studienjahr mitnehmen...
Serhan:
Als Muslim, der nachdrücklich den Laizismus bei uns in der Türkei verteidigt, finde ich den Ansatz von Prof. Meyer ganz wichtig: dass religiös inspirierte Menschen einen Platz in der Politik haben sollen, ohne damit Politik selbst zur (Sache einer bestimmten) Religion zu machen. Und so denken hier in Seggau die meisten Teilnehmer, gleich welcher Religionsgemeinschaft sie angehören...
[1] Th. Meyer, Die Identität Europas. Frankfurt 2004 (Suhrkamp)


