Sunday 19. May 2013
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Rede von Mgr Van Luyn


EMBARGO Thursday 8 October 2009-16:00

Es gilt das gesprochene Wort


unknownMgr Adrianus van Luyn, COMECE President

1. Europäische Sozialtage in Danzig 8. Oktober 2009







1.Begrüssung

Kardinal Tettamanzi (italienisch)

Erzbischof Glodz

Erzbischöfe und Bischöfe (gemeinsam)

hochwürdigste Vertreter unserer protestantischen, anglikanischen und orthodoxen Schwesterkirchen

Abgeordnete des EP

Der Präsident der Europäischen Kommission Manuel Barroso kann wegen anderer Verpflichtungen leider nicht bei uns sein. Er wird sich allerdings in einer Videobotschaft noch an uns wenden.

Minister und Abgeordnete nationaler Parlamente

sehr geehrter Herr Bürgermeister Adamowicz von Danzig - wir freuen uns, dass wir den 1. Europäischen Sozialkongres Kongress in ihrer schönen und traditions- und kulturreichen Stadt abhalten können und danken Ihnen für Ihre Unterstützung

Ich begrüsse auch den hochwürdigsten Pater Maciej Ziemba, Direktor des Europäischen Solidaritätszentrum hier in Danzig, danke für die fruchtbare Zusammenarbeit, die die Ausrichtung dieses Kongresses erst möglich gemacht hat, und für die großzügige Unterstützung, die wir von Ihnen und vom Europäischen Solidaritätszentrum erfahren haben.

Ein herzliches Willkommen an Pater Dietger Demuth, den Vorsitzenden von Renovabis. Ohne die finanzielle Unterstützung von Renovabis, Ihre tätige Solidarität, die Sie bereits so viele Jahre den Menschen Mittel- ind Osteuropas erwiesen haben, wäre die Verwirklichung dieses Kongresses nicht möglich gewesen. Ihnen und alen ungenannt bleiben wollenden Förderern von dieser Stelle aus ein ganz herzliches «Danke schön».

Ich begrüße die nationalen Delegation aus den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union. [Besonders begrüssen möchte ich die italienische Delegation - die größte Delegation nach der aus Polen (italienisch)]

Ein besonders herzliches Willkommen der Delegation aus Irland. Das zweite Referendum über den Vertrag von Lissabon hat uns alle in den vergangenen Wochen und Monaten in Spannung gehalten, das Ergebnis vom vergangenen Freitag hätte wohl nicht besser sein können - und verdankt sich den Anstrengungen und der Überzeugungsarbeit vieler.

nationale Delegationen aus den Ländern außerhalb der EU


2. Danzig - Stadt der Solidarnosc - gelebter Solidarität

Es ist kein Zufall, dass die 1. Katholischen Sozialtage mit dem Titel «Solidarität - eine Herausforderung für Europa» hier in Danzig stattfinden. Vor dreißig Jahren wuchs in dieser Stadt eine Bewegung, deren Rolle in der politischen Geschichte Europas im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts nicht hoch genug bewertet werden kann: die polnische Gewerkschafts- und Bürgerbewegung «Solidarno» - Solidarität.

Entstanden aus dem Bewusstsein des Unrechts und der systematischen Unterdrückung im kommunistischen Polen, wuchs die Gewerkschaft zu einer  Kraft, der es gelang, im Streik des Jahres 1980, der nur wenige hundert Meter von hier, auf der damaligen «Leninwerft» ausgebrochen war, verschiedene gesellschaftliche Gruppen zu integrieren und für das eine gemeinsame Ziel zu begeistern. Das Abkommen vom Ende August 1980 und die Zulassung freier Gewerkschaften boten eine spätsommerliche Erinnerung an den Frühling in Prag zwölf Jahre davor.

Aber ähnlich wie in Prag 1968 war das System damit keineswegs reformiert oder gar beseitigt. Auf den August 1980 folgte der Dezember 1981: die Ausrufung des Kriegsrechts durch die Regierung Jaruzelski und die Internierung von Gewerkschaftsmitgliedern, Bürgerrechtlern und oppositionellen Politikern. Damit begannen Jahre des Streits im Untergrund und der Illegalität: Jahre der Bespitzelung, der Hausdurchsuchungen, der Verfolgung, Internierung und sogar der Liquidation von Kritikern des Regimes. Ich nenne hier stellvertretend nur Jerzy Popieluszki.

Es erscheint noch immer wie ein kleines Wunder, dass sich die Beharrlichkeit von Solidarnosc durchsetzte. Der «Runde Tisch» vom April 1989 bedeutete den Durchbruch, die ersten freien Wahlen im kommunistischen «Ostblock» in Polen im Juni 1989 waren ein entscheidender Teilsieg.

Mit ihrer Beharrlichkeit, der Kreativität ihrer Aktionen und ihrer prinzipiellen Gewaltfreiheit wurde Solidarnosc zur Inspiration und zum Vorbild für andere Bewegungen in den Ländern Mittel- und Osteuropas. Die Abendgebete und Montagsdemonstrationen in Leipzig, die Massendemonstrationen auf dem Wenzelsplatz in Prag, das «mitteleuropäische Picknick» im Niemandsland an der ungarisch-österreichischen Grenze - sie läuteten den Herbst 1989 ein, in dem innerhalb von wenigen Wochen die Stacheldrahtverhaue des «Eisernen Vorhangs» zerschnitten, die «Berliner Mauer» besetzt und von zahllosen «Mauerspechten» in Stücke gehackt wurde und reihenweise die totalitären Regierungen des kommunistischen Systems fielen: Warschau, Budapest, Berlin, Prag und Bratislava, Bukarest und Sofia. Und etwas später kamen Vilnius, Tallin und Riga hinzu. Die «Samtene Revolution» war eine Tatsache. Sie zeichnete die politische Karte Europas neu. Die Spaltung Europas in zwei einander feindlich gesinnte politische Blöcke wurde aufgehoben. Neue Chancen für die Fortsetzung des Prozesses der politischen Integration waren geöffnet.

Über dem Unerwarteten dieses «europäischen Herbstes 1989» darf eines nicht vergessen werden: es war die Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc, die sie direkt oder indirekt ausgelöst hat. Sie und die Ereignisse des Herbstes 1989 sind und bleiben Teil der europäischen Erinnerung und des historischen Erbes Europas


3. Die Quelle der Kraft

Bei unserem Staunen über ein Ereignis, einen Umbruch, der in unserer Generation noch für unwahrscheinlich gehalten wurde, stellen wir uns immer wieder die Frage: Was gab diesen Menschen die Kraft, auszuhalten, sich durchzubeissen und diese nicht erwartete Veränderung zu bewerkstelligen? Woher bezogen sie ihre Inspiration?

Zu den gar nicht so geheimen «Kraftquellen» gehören sicher polnische nationale Eigenschaften wie romantischer Patriotismus, Verwegenheit, Eigensinn, Selbstorganisation und Pragmatismus.

Gleichwertig dazu gehören aber christliche Tugenden wie Mut, Klugheit, Gerechtigkeit, Mässigung und die Bereitschaft zu einer umfassenden und beharrlichen Solidarität. Diese Tugenden beziehen ihre Kraft aus einem Bild und Verständnis des Menschen, das im Christentum wurzelt und ohne die Botschaft des Evangeliums unverständlich bleibt:

Der Mensch als Person, als Gottes Ebenbild geschaffen und mit Würde bekleidet, in seinem So-sein immer einzigartig - auch in seiner Verführbarkeit und in der Möglichkeit, Schuld auf sich zu laden - in seinem Mit-sein aber immer schon auf den anderen, auf seine Mitmenschen und auf das Wohl aller, das Gemeinwohl, ausgerichtet.


In einem Beitrag, den Irena Lipowicz, Solidarnosc-Mitglied, ehemalige Sejm-Abgeordnete und Botschafterin - und als Teilnehmerin hier unter uns - anlasslich des 30. Jahrestages der Gründung von Solidarnosc und des 20. Jahrestags der Ereignisse von 1989 geschrieben hat, wird diese Verwurzelung der Solidarnosc in den soeben genannten Tugenden deutlich:

«Die Solidarnosc riss die Menschen aus ihrer Isolation und ihrem Egoismus (auch aus ihrem Branchenegoismus). [...] Der Beitritt zur Solidarnosc ‹säuberte› das bisherige Leben - man konnte auch als Straffälliger oder Drogenabhängiger beitreten. Viele Alkoholiker erinnern sich daran, dass die Solidarnosc und die Politik sie 1980 aufgeweckt und geheilt haben.[...] Der Verzicht auf Gewalt war kein taktisches Spiel, er entstand aus christlichen Werten, aus den Predigten von Jozef Tischner und Jerzy Polpieluszki: ‹Besieg das Böse mit dem Guten› und nimm also auch die von den Machthabern Zermürbten und die vom Kommunismus Getäuschten unter der Bedingung der Änderung ihres eigenen Weges auf.[...] Die kommunistischen Machthaber zählten auf das riesige Potenzial der Angst und auf ihre Ressourcen, die es erleichterten, die „Menschen zu brechen". Jemand, der eine Loyalitätserklärung unterschrieben hatte, fühlte sich für gewöhnlich gebrochen, erwartete eine Verurteilung durch sein Umfeld . [...] Es war also die Aufgabe der Untergrund-Solidarność, diese Leute zurückzubekommen, sie „zur Umkehr zu veranlassen". Das fast vergessene Buch „Etyka Solidarności" (Die Ethik der Solidarność) von Pfarrer Józef Tischner war keine Handvoll sentimentaler Erzählungen, sondern hatte starke philosophische und moralische Grundlagen. »

Es war diese tätige Solidarität, die Lipowicz als «großzügige Vorsicht» bezeichnet, die auch jenen eine Chance zur Bewährung bot, die schwach geworden waren und sich vom System überreden hatten lassen mitzumachen, und die ihnen eine Perspektive eröffnete, ihr Leben selbst wieder in die Hand zu nehmen und an der Neugestaltung der Gesellschaft mitzuarbeiten. «Die Kraft der Vergebung holte Menschen aus ihrer Verzweiflung».


Dieses Beispiel der Solidarnosc zeigt, was Solidarität im christlichem Verständnis im Wesentlichen meint: Eine Zuwendung zum Nächsten, die seine Freude und Hoffnung, seine Sorge und Angst  wahrnimmt und zum eigenen Anliegen macht. Eine tätige Liebe, die die eigenen Vorstellungen dem anderen nicht überstülpt, sondern den «Anderen als anderen» ernst nimmt und ihn befähigt, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen und zu gestalten. Eine konkrete materielle Hilfe, die dem anderen das würdevolle Weiterleben ermöglicht. Eine Liebe, die nicht bei der Pflicht und dem, was selbstverständlich ist oder sich rechtlich einfordern lässt, stehenbleibt, sondern in der Liebe zum Nächsten darüber hinausgeht und sich selbst - manchmal bis zur Selbstaufgabe - überschreitet.

So spiegelt diese Solidarität in ihrem Tun die unerschöpfliche Quelle wieder, aus der sie sich nährt: die Zuwendung und die Liebe Gottes zu jedem Menschen, die denjenigen, der sie erkennt, zum solidarischen Handeln und Tun drängt. Um mit dem Apostel Paulus zu sprechen: Die Liebe Gottes drängt uns... sprich: wir können nicht anders. Erzbischof Diarmuid Martin wird morgen bei seiner Einführung in die katholische Soziallehre die Konsequenzen dieses «wir können nicht anders» noch weiter entfalten


Dieses Menschenbild, dem sich diese tätige Liebe der Solidarität verdankt, ist ein unverzichtbarer und wohl auch unleugbarer Beitrag des Christentums zum Erbe Europas. Man mag darüber streiten, worin dieses Europäische Erbe besteht und welche geistigen und kulturellen Strömungen ihren Beitrag dazu geleistet haben, wir sind davon überzeugt, dass das im Christentum entstandene Verständnis des Menschen eine jener Wurzeln ist, aus der heraus Europa und sein Selbstverständnis erst deutlich werden.

Dieses «Erbe Europas» ist aber nicht etwas, auf dem wir uns ausruhen könnten oder das seine längste Zeit gehabt hätte und jetzt reif fürs Museum wäre, im Gegenteil: Europa bedarf dieses Menschenbildes, dieser Solidarität als tätiger Nächstenliebe und den bereits oben erwähnten damit verbundenen Kardinal-(also: Schlüssel)-Tugenden als eines «lebendigen und noch immer wirksame Teile» seines Erbes. Wie sonst sollten die in Artikel 2 des Lissabonvertrages aufgezählten, den Europäern gemeinsamen Werte nicht toter Buchstabe bleiben, sondern mit Leben erfüllt werden können? Genau diese Fragen des «wie» werden uns die kommenden Tage weiter begleiten, in den offiziellen Teilen unserer Konferenz sowie in den vielen inoffiziellen Gesprächen und Begegnungen.

4. Grenzenlose Solidarität

Solidarität im umfassenden Sinn ist aber nicht auf das Hier und Heute begrenzt:

Sie bezieht die Vergangenheit ein, sie eröffnet Raum für die Erfahrungen und Erzählungen der Anderen, die zu unseren eigenen unterschiedlich sein mögen und die trotzdem zur großen «Meta-erzählung» dieses Europa untrennbar dazugehören.

a.

Sie vergisst nicht die Opfer - weder die Gedemütigten, die Missbrauchten, die Internierten, die Gefolterten, die Gequälten und Ermordeten, noch diejenigen, die, oft unter Einsatz ihres Leben, Widerstand geleistet haben und die bereit waren, die bitteren Konsequenzen zu tragen. Aus der Erinnerung an sie und aus dem entschiedenen «Das nie wieder» wurde der mutige Schritt zu einem neuen Europa geboren. Aus ihr schöpften die «Väter Europas» ihre Vision eines geeinten Europas. Aus ihr entstanden die Kraft, die Trennung Europas nicht zu akzeptieren und der Mut, einem totalitären System Widerstand zu leisten, bis es überwunden ist.

Als Christen dürfen wir glauben, dass diese Anstrengungen nicht vergeblich waren und die Opfer nicht umsonst gestorben sind, sondern dass sie geborgen sind in Gottes Hand - in der Liebe jenes Gottes der Schrift, der das Werk seiner Hände niemals vergisst oder aufgibt.

Wir werden am Samstag auf die Westerplatte fahren, an jenen Ort hier in Danzig, an dem am Morgen des 1. Septembers 1939 mit dem Angriff des deutschen Schlachtschiffs «Schleswig» auf die polnischen Befestigungen der 2. Weltkrieg begonnen hatte. Wir werden dort all jener gedenken, die Opfer dieses schrecklichen Krieges und seiner Folgen - bis in die nahe Vergangenheit - geworden sind.

Den Abend werden wir auf der ehemaligen «Leninwerft» verbringen und uns die Ereignisse der Jahre 1980-1989 in Erinnerung rufen.

b.

Solidarität im umfassenden Sinn handelt solidarisch mit den Generationen, die nach uns kommen werden. Als «Erben unserer Väter und Beschenkte unserer Mitbürger sind wir allen verpflichtet, und jene können uns nicht gleichgültig sein, die nach uns den Kreis der Menschheitsfamilie weiten». [Papst Paul VI. in Populorum Progressio 17] «Es handelt sich um eine Verantwortung, die die gegenwärtigen für die künftigen Generationen übernehmen müssen» [KSK, 467].

Unsere Solidarität gilt besonders der jungen Generation, besonders jenen ohne Aussicht auf Ausbildung, auf Arbeitsplatz und festen Lebensunterhalt. Als Zeichen tätiger Solidarität möchten wir - hier in Danzig als Katholische Sozialtage versammelt - ein Projekt in Moldawien unterstützen, dass sich besonders behinderter Kinder und Jugendlicher annimmt. Die Kollekten der Gottesdienste während unserer Tage hier in Danzig werden in dieses Projekt fliessen.

Die Solidarität mit den kommenden Generationen muss aber den Blick weiten und alle jene Bereiche benennen, in denen wir heute auf Kosten der kommenden Generationen leben: in unserem Verbrauch der natürlichen Ressourcen, in unserem Umgang mit der Natur und der Umwelt, in dem durch uns mitverschuldeten Klimawandel. Aber auch die derzeitige wirtschaftliche und finanzielle Krise wird die folgende Generation belasten: sie wird die Kosten für ein unverantwortliches und egoistisches, einseitig an einer möglichst hohen Rendite orientiertes wirtschaftliches Handeln  der heutigen Generation - und nicht ausschliesslich der Bankiers - zu tragen haben.

c.

Solidarität als tätige Liebe verliert schließlich jene nicht aus dem Blick, die in unserer Nachbarschaft leben: die Länder, die unmittelbar im Osten, Südosten und Süden an die Europäische Union anschliessen. Die kirchlichen Hilfswerke versuchen hier, am Aufbau der Zivilgesellschaft mitzuarbeiten und materielle Not, soweit möglich, zu lindern. Gleiches geschieht durch die Hilfs- und Kooperationsprogramme der Europäischen Union.

Unser Blick in die Nachbarschaft muss aber über die direkten Nachbarn hinausgehen. Er muss besonders Afrika gelten - jenem Kontinent, der durch Europa Jahrhunderte kolonialisiert und ausgebeutet wurde und der heute an korrupten Regierungen, an Kriegen, an Dürrekatastrophen und an der Geisel AIDS ein weiteres Mal zugrunde zu gehen droht. Die täglichen Meldungen von ertrunkenen oder aufgegriffenen Flüchtlingen, die mit ihren Nussschalen über das Mittelmeer oder den Atlantik nach Italien, nach Spanien oder auf die Kanarischen Inseln zu gelangen versuchen, dringen kaum noch in unser Bewusstsein durch - und doch handelt es sich täglich um hunderte Menschen. Die Antwort darauf kann weder die weitere Verstärkung einer «Festung Europa» sein, noch die völlige Öffnung der Grenzen. Unsere Solidarität wird sich auf die Änderung der Lebensumstände der Menschen in jenen Ländern richten müssen, aus denen sie kommen: medizinische Versorgung, ausreichende Lebensmittel, gerechte Wirtschaftsbedingungen, die Sicherheit an Leib und Leben, Möglichkeiten, das Leben selbständig zu gestalten.

Es ist vielleicht kein Zufall, dass in diesen Tagen in Rom die Bischofssynode beginnt zum Thema «Die Kirche in Afrika. Im Dienst von Versöhnung, Gerechtigkeit und Frieden». Sie wird sich mit den gleichen Fragen auseinandersetzen und ihre Antworten zu diesen Themen aus der afrikanischen Perspektive formulieren. Wir wünschen den bei der Synode versammelten Bischöfen Gottes Segen bei ihren Beratungen.

5. Die Herausforderung, vor der wir stehen

Angesichts des Umfangs und der Komplexität der Herausforderungen, mit denen wir konfrontiert sind, drohen Verzweiflung und Überforderung - und damit auch ein Austrocknen der Solidarität. Aus dem Gefühl der Ohnmacht, nicht adäquat helfen zu können, droht die Lethargie zu wachsen, die keinem mehr helfen kann.

Solidarität als vom Evangelium inspirierte tätige Liebe ist sich der Begrenztheit menschlicher Existenz und jedes menschlichen Handelns bewusst. Unseren Handlungsmöglichkeiten sind materielle Genzen gesetzt. Wir können nicht gleichzeitig allen alles sein. Dieser Einsicht müsste der Impuls entwachsen, unsere Anstrengungen zu vereinen, um gemeinsam mehr erreichen zu können, als es jeder und jede Einzelne alleine zu tun in der Lage wäre. Was für das Zusammenwirken und die Bündelung der Kräfte durch Einzelne oder gesellschaftliche Gruppen gilt, das gilt in gleicher Weise auch für die Staaten und die Zusammenarbeit auf europäischer Ebene.

Die derzeitigen tiefgreifenden wirtschaftlichen und finanziellen Probleme zwingen die Politik zu Abwägungen: Dabei lauert die Gefahr, die europäische Solidarität zugunsten nationaler Egoismen aufzukündigen nach dem Motto, dass letztendlich das Hemd jedem doch näher sein müsse als der Rock.

Mehr denn je sind politisches Augenmass und Klugheit in mehrfacher Hinsicht nötig. Es wird darum gehen, die zur Verfügung stehenden Ressourcen verantwortlich zu verwenden, ohne in jene alten nationalen Reflexe und Mechanismen zu verfallen, die die Ursache für die blutige Vergangenheit Europas gewesen sind. Der europäische Einigungsprozess würde dadurch nicht nur ins Stocken geraten, es droht die Gefahr, das bisher Erreichte preiszugeben. Es wird aber auch der Bereitschaft und der Anstrengung bedürfen, das, was zu tun ist, entsprechend zu kommunizieren. Ein Hauptgrund dieser derzeitigen Europamüdigkeit liegt wohl darin, dass das, was die Politik als zu tun erkannt und beschlossen hat, nicht in der entsprechenden Weise in die öffentliche Diskussion gerät. Die Folge ist eine gegenseitige «Entsolidarisierung» von «Regierenden» und «Regierten».


In diesem Zusammenhang ein Wort zu dem am vergangenen Freitag in Irland abgehaltenen Referendum zum Vertrag von Lissabon. Es hat ein überwältigendes Ergebnis gebracht: 67% haben für die Ratifizierung des Vertrags gestimmt. Wir begrüßen dieses deutliche Ergebnis des Referendums in Irland über den Lissabonvertrag. Dadurch vergrößert sich die Möglichkeit, die Ratifikation des Lissabonvertrags bis zum Ende dieses Jahres abzuschließen.


Welche Aufgabe kommt aber uns Christen in dieser Situation zu? Welchen Herausforderungen werden wir uns stellen müssen? Diese Aufgabe ist meines Erachtens eine Zweifache: Wir werden, noch mehr als wir es bereits tun, mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln selbst helfen müssen. Das bereits angesprochene gemeinsame Sozialprojekt, das aus diesem Kongress erwächst, sollte ein Beispiel dafür sein.

Gleichzeitig müssen wir den «Schatz unserer Erfahrung» öffnen, die vielfältigen Erzählungen davon, was mit einer Gesellschaft geschieht, wenn es ihr an Mitgefühl, Gerechtigkeit und Solidarität als tätiger Nächstenliebe mangelt. Und schliesslich werden wir immer aufs Neue den Blick unserer Mitmenschen auf jene zu richten haben, die in unserer Gesellschaft am Rand stehen, die unter die Räder zu kommen drohen, die zum Opfer unseres wirtschaftlichen Systems und unserer Gesellschaft werden können.

Mögen unsere Tage des Beisammenseins in Danzig dazu beitragen, dass wir, inspiriert vom Geist des Evangeliums, voneinander lernen, miteinander planen und konkrete Dinge angehen, und dass wir einander in unseren Bemühungen unterstützen und bestärken - «einanders Freude teilen und einanders Last tragen». Dabei wissen wir uns auch begleitet vom Heiligen Vater, Papst Benedikt XVI, dessen aufmunternde Worte an die Teilnehmer des COMECE-Kongresses in Rom vor zwei Jahren ich uns in Erinnerung rufen möchte:

«Eine ständige Anregung und Stütze sei euch die Mahnung Christi: ‹Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, taugt es zu nichts mehr, es wird weggeworfen und zertreten›. Der Herr mache alle eure Anstrengungen fruchtbar und helfe euch, die in der heutigen Gesellschaft vorhandenen positiven Elemente zu erkennen und zur Geltung zu bringen, gleichzeitig aber all das mutig anzuklagen, was gegen die Würde des Menschen ist.

Ich bin sicher, dass Gott die hochherzigen Bemühungen derer segnen wird, die im Geist des Dienstes tätig sind, um ein gemeinsames europäisches Haus zu bauen, wo jeder kulturelle, soziale und politische Beitrag das Gemeinwohl zum Ziel hat. Euch, die ihr schon in verschiedener Weise mit diesem wichtigen menschlichen und evangeliumsgemäßen Vorhaben befasst seid, spreche ich meine Unterstützung und meine lebhafte Ermutigung aus.» (Papst Benedikt XVI., 24. März 2007)

Damit wünsche ich uns allen gute und fruchtbare Tage und danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!


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