Sunday 26. May 2013
Nr. 42 (10/2002)

Content:

Humanität jenseits des Humanismus

Ethik-Gipfel: Humanität jenseits des Humanismus
Ziel des Europäischen Ethik-Gipfels in Brüssel am 29. und 30. August war es, die Ethikdebatte ins Bewusstsein der Institutionen der EU zu rücken


Welchen Platz soll Ethik im Rahmen der Entscheidungsprozesse der EU einnehmen? Dies ist eine überraschend umstrittene Frage, nicht nur aufgrund der Vielfalt an ethischen Positionen innerhalb der EU, sondern auch, weil die Frage an sich relativ neu ist. Einerseits schafft die rasante Entwicklung insbesondere in der Biotechnologie grundlegende ethische Probleme in Bereichen, in denen die EU Verantwortung trägt, wie z.B. dem Forschungsrahmenprogramm (s. S. 3). Andererseits rufen Vorwürfe der Arroganz und des Machtmissbrauchs Fragen über ethische Standards innerhalb der EU-Institutionen selbst hervor, ähnlich derjenigen, die durch Bilanzfälschungsskandale in den Vereinigten Staaten aufgeworfen wurden. Der erste europäische Ethik-Gipfel vom 29.-30. August fand zu einer Zeit statt, in der die Notwendigkeit ernsthafter Ethikdebatten im Herzen des Entscheidungsprozesses der EU deutlicher denn je erscheint. Der Gipfel fand im EU-Parlament statt und wurde vom Europäischen Ethiknetzwerk (EEN) organisiert, in Zusammenarbeit mit den anderen wichtigsten Ethikverbänden: Societas Ethica, das European Business Ethics Network, EACME (Medizinethik) und EurSafe (Nahrungsmittelethik). Über dreihundert TeilnehmerInnen diskutierten über das Thema "Humanität jenseits des Humanismus". "Wir haben das Thema der Humanität in den Mittelpunkt unserer Diskussionen gestellt", so Johan Verstraeten, Professor der Universität Löwen und Präsident des EEN, "weil wir hoffen, den Entscheidungsträgern bewusst machen zu können, dass Ethik mehr als eine Quelle für rationale Argumente für die Legitimierung neuer (Bio)technologien ist und sein sollte, mehr als ein Werkzeug im Prozess des Lobbyismus für private Interessen. Es bringt uns zurück zum Kern unseres Anliegens: die neuen Entwicklungen in Gesellschaft und Technologie wieder mit ihrem grundlegenden Zweck und ihrer eigentlichen Bedeutung in Verbindung zu bringen: die menschliche Person und ihre Würde und Humanität". Bestimmung von Werten Jérôme Vignon, Hauptberater der EU-Kommission, betonte beim Gipfel, dass "die europäischen Institutionen ursprünglich eine ethische Zielsetzung hatten, die Einfluss auf die politischen Entscheidungen hatte...'nie wieder Krieg zwischen uns'". Dennoch, so Vignon, ist die politische Debatte nicht mehr in der Lage, Argumente für das, was einem als gut erscheint, zu liefern, für die Notwendigkeit der Neuorganisierung der europäischen und internationalen Ordnung, so dass die neuen Demokratien auch ihren Platz finden. Er stellte drei wichtige Beweggründe für EthikerInnen heraus, sich im europäischen Entscheidungsprozess zu engagieren. Der erste ist ontologischer Natur: die Notwendigkeit für jedwede politische Union in Europa, auf einer Wertegemeinschaft zu beruhen. Der zweite ist praktischer Natur: nicht nur die Entwicklung neuer Technologien, sondern die Geschwindigkeit, mit der politische Institutionen über die Regulierung derartiger Technologien entscheiden, angetrieben durch utilitaristische Motivationen, die auf den durch den weltweiten Wettbewerb entstehenden Druck zurückzuführen sind. Der dritte ist deontologischer Natur: Vignon vertritt den Standpunkt, dass die EU-Institutionen mit wachsender Professionalisierung zwangsläufig den Bezug zu den Problemen des wirklichen Lebens verloren haben. Zahlreiche RednerInnen sprachen das Thema der Rolle der Religion bei der Bestimmung von ethischen Werten an. Der Präsident des EU-Parlaments, Pat Cox, wählte in seiner Eröffnungsrede einen humoristischen Ansatz: "In Bezug auf meinen familiären Hintergrund, meine Erziehung und meine religiöse Praxis bin ich irisch-römisch-katholisch. Als irisch- römische Katholiken verwechseln wir oftmals Religion mit Sex. Wir verbringen so viel Zeit damit, über Sexual- und Reproduktionsethik zu diskutieren, dass wir mitunter die anderen Dinge vergessen. Ich bin sehr erfreut darüber, dass ihre Tagesordnung die Ethik im sehr viel weiteren Sinne behandelt". Ein Schlüsselthema war die Frage, ob ein gemeinsames Verständnis von Ethik davon abhängt, dass man die transzendentale Natur der menschlichen Würde erkennt. Der Gipfel versuchte nicht, zu Schlussfolgerungen zu gelangen, es gelang ihm aber, eine Debatte über Ethik, Werte und den Menschen zu eröffnen, eine Debatte, die entscheidend für die Zukunft der EU ist.
S'abonner à ComeceEu sur Twitter
Get our press information and further news for free
europe infos
COMECE | 19, Square de Meeûs | B-1050 Bruxelles | T + 32(0)2 235 05 10
http://www.comece.org/