Eine baltische Kirche
Die momentane Situation der katholischen Kirche in der noch jungen Republik Litauen ist im Wesentlichen durch zwei Probleme geprägt. In den knapp 50 Jahren, in denen Litauen ein Teil der Sowjetunion war, wurden die Kirchen enteignet und erhielten eine andere Bestimmung. So dienten Kirchenräume beispielsweise als Museum oder Schule. Dadurch wurde die Inneneinrichtung der Gebäude zerstört oder zumindest gravierend verändert. Nachdem die baltischen Staaten zu Beginn der 90-er Jahre ihre Unabhängigkeit erlangten, erhielt die katholische Kirche ihre Gebäude zurück. Allerdings befanden sich viele Gotteshäuser in einem maroden Zustand oder waren zweckentfremdet. Für die Renovierung der Kirchen fehlt das Geld, so dass erst nach und nach die Baumaßnahmen anlaufen. Weil die katholische Kirche während der Sowjetzeit nicht öffentlich tätig sein durfte, blieb sie eine Kirche im Untergrund der Gesellschaft. Das betraf auch die kirchlichen Strukturen, denn Priester oder Bischöfe durften keine Gottesdienste feiern. Mit der Unabhängigkeit der Republik Litauen wurden auch die beiden Erzbistümer Vilnius und Kaunas gegründet. Damit hängt auch eine zweite aktuelle Problematik der katholischen Kirche in Litauen zusammen. Während der Unabhängigkeitsbewegung waren die Menschen glücklich, dass sie ohne Gefahr ihren Glauben wieder ausleben durften. In dieser Zeit bekannten sich viele Katholiken wieder zur Kirche und besuchten häufig den Gottesdienst. Die jungen Litauer organisierten sich in kirchlichen Jugendvereinigungen. Die Kirche hatte in der Gesellschaft zu dieser Zeit die Rolle der Verteidigerin der nationalen Rechte und Menschenrechte. Verpasste Chancen Doch die anfängliche Euphorie ist mittlerweile verflogen. Die oben genannten Themen wurden von Parteien und Nicht-Regierungsorganisationen aufgegriffen, so dass sich die Kirche mehr auf moralische und theologische Themen konzentrierte. Unter anderem legte die Kirche den Schwerpunkt ihrer Aktivitäten darauf, dass sie genügend Gottesdienste anbot. Dadurch entfernte sich die katholische Kirche von den Bedürfnissen und Problemen der LitauerInnen, denn für die Menschen sind momentan wirtschaftliche, politische und soziale Probleme viel wichtiger. Dazu zählen beispielsweise der Wechsel zur Marktwirtschaft, die Arbeitslosigkeit und die Abwanderung in westeuropäische Staaten. Die katholische Kirche hätte hier die Möglichkeit gehabt, sich an der Problembewältigung zu beteiligen, indem sie die Traditionen der katholischen Soziallehre aufgegriffen hätte. Jedoch hat sie diese Chance nicht genutzt. Von den rund 3,7 Millionen Einwohnern Litauens bekennen sich mehr als 80 Prozent zum römisch-katholischen Glauben. Das entspricht ungefähr dem Anteil der litauisch- und polnisch-stämmigen Bevölkerung. Etwa 5 Prozent der Bevölkerung sind russisch-orthodox, nur etwa 30.000 Gläubige sind evangelisch. Damit unterscheidet sich Litauen wesentlich von den anderen baltischen Staaten. Wichtig ist ebenso der Gegensatz zwischen der Land- und Stadtbevölkerung. Während die Menschen aus ländlichen Regionen sich noch stark mit der katholischen Kirche identifizieren, so ist die Stadtbevölkerung verweltlichter. Obwohl die litauische Gesellschaft immer säkularisierter wird und die Besucherzahlen in den Gottesdiensten zurückgehen, genießt die katholische Kirche in der Gesellschaft dennoch ein hohes Ansehen. Die Kirche sollte sich aber nicht auf diesen Lorbeeren ausruhen. Denn sie ist eine Institution, die sich auch in Zukunft in moralischen und politischen Diskussionen einmischen könnte und sollte. Momentan fehlt es der katholischen Kirche allerdings an einflussreichen Persönlichkeiten, die in Gesellschaft und Politik anerkannt sind. Die Kirche wird sich den Problemen des modernen Litauens öffnen und in öffentliche Diskussionen einmischen müssen, um so ihren Einfluss in der Gesellschaft nutzen zu können, denn schließlich wird die kleine Republik schon bald der EU angehören. Stefan Stein ist Diplomtheologe und arbeitet in deutsch-litauischen Bildungsprojekten


