Die Kirche im öffentlichen Leben Europas
Die Reformation, die Aufklärung, die Französische Revolution, die Entstehung der Nationalstaaten und der parlamentarischen Demokratie, die Teilung Europas in Yalta und der Fall der Berliner Mauer, sie alle waren entscheidende Meilensteine in der Geschichte des Engagements der Kirche im öffentlichen Leben der europäischen Nationen. Auch wenn die Kirche die grundlegende Trennung zwischen Glaube und Politik respektiert, hat sie sich doch stets darum bemüht, dass Gewissen der Gesellschaft und des öffentlichen Lebens zu sein. Insbesondere seit der Enzyklika Rerum Novarum (1891) von Papst Leo XIII führte dieser Einsatz der Kirche für die großen Themen der Zeit in zahlreichen Ortskirchen zur Gründung von Laienorganisationen, deren zeitgenössische Nachfolger z.B. in den Semaines Sociales de France, im Zentralkomitee der deutschen Katholiken und im italienischen Progetto Culturale zu finden sind. Welcher Tradition auch immer sie in diesem Zusammenhang angehören, alle Ortskirchen im heutigen Europa, sei es im Westen oder in den neuen Demokratien Mittel- und Osteuropas, stehen vor der Frage, wie sie der Stimme der katholischen Kirche in einer oftmals von Gleichgültigkeit oder Apathie gegenüber dem politischen Prozess gekennzeichneten pluralistischen Gesellschaft Gehör verschaffen sollen. Gleichzeitig ringen sie mit der supranationalen europäischen Dimension, mit der Notwenigkeit der Schaffung von Verbindungen zu den Ortskirchen anderer Länder sowie des Aufbaus von europäischen Netzwerken. Das europäische Projekt Papst Pius XII bekräftigte bereits in der Anfangsphase des europäischen Aufbauwerks die Unterstützung der Kirche für dieses Projekt. Im Jahre 1956 begann eine Gruppe engagierter Laien das OCIPE, um mit Unterstützung der Jesuiten den europäischen Prozess zu begleiten. In den 70er Jahren wurden auch die Europäischen Gemeinschaften, die Antriebskraft der europäischen Integration, zum Brennpunkt für die Aktionen und die Reflexionen der Kirche. Heute unterhält die Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft (COMECE) im Namen der Bischofskonferenzen und der Ortskirchen in den Mitgliedsländern Beziehungen mit der EU-Kommission, dem EU-Parlament und den Dienststellen des Ministerrats. Die COMECE überwacht den politischen Entscheidungsprozess und leistet in einer Reihe von Bereichen Beiträge zur politischen Entscheidungsfindung. Gemeinsam mit dem OCIPE gibt sie Europe Infos heraus, einen Dienst, der zum Ziel hat, in der europäischen Politik ein Bewusstsein für bestimmte Themen zu schaffen, daneben fördert sie durch Kongresse und Seminare zu politischen Themen den Dialog zwischen Gläubigen und Politikern. Das OCIPE und das Europabüro der Dominikaner ESPACES arbeiten als think-tanks. Caritas Europa kümmert sich insbesondere um die Sozialpolitik der EU. Themen der Entwicklungspolitik und Angelegenheiten, die Afrika betreffen, werden von der Internationalen Arbeitsgemeinschaft für Entwicklung und Solidarität (CIDSE) sowie dem Afrika-Europa Netzwerk für Glaube und Gerechtigkeit (AEFJN) bearbeitet. Mit der fortschreitenden europäischen Integration in den 90er Jahren - in Form von politischer Union, Wirtschafts- und Wahrungsunion sowie den ersten konkreten Schritten hin zu einer gemeinsamen Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik - ist die Arbeit dieser Organisationen noch wichtiger geworden, wenn es der Kirche gelingen soll, sich die Einsichten ihrer Sozialdoktrin zunutze zu machen und sie den Institutionen der EU nahe zu bringen. Aus diesem Grund organisierte die COMECE im Frühjahr 2000 einen Sozialkongress unter der Überschrift Die Verantwortung Europas für globale Entwicklung, in Folge dessen eine hochrangig besetzte Gruppe im Jahre 2001 einen Bericht an die Bischöfe der COMECE verfasste. Der Bericht mit dem Titel Global governance: Unsere Verantwortung, Globalisierung zu einer Chance für alle zu machen enthält Vorschläge für einen Mechanismus zur Bekämpfung des "Problems der Ordnung in der Situation der heutigen Welt" (Papst Johannes Paul II. in seiner Botschaft zur Feier des Weltfriedenstages 2003). Die Intensivierung des kirchlichen Engagements ist für den Prozess der europäischen Integration, welcher ein Novum für die Politik ist, nicht nur hinsichtlich ihrer Innenpolitik, sondern auch hinsichtlich ihrer Außen- und insbesondere ihrer Afrikapolitik unumgänglich. Msgr Noël Treanor ist der Generalsekretär der COMECE


