Europa und Islam im Dialog?
Religion wird wieder als wesentlicher Bestandteil der menschlichen Natur entdeckt. Dabei ist die islamische Religion aber schon seit 1979, als Ayatollah Khomeini den Schah aus dem Iran vertrieb, um eine Republik nach islamischen Vorschriften aufzubauen, ein politischer Faktor. Seit diesen Ereignissen werden Kongresse und Seminare organisiert, um den Dialog zwischen dem Westen und dem Orient zu führen. Außenministerien in Athen, Berlin, Rom und London sind seit Jahren daran interessiert, wie heute auch einige Beratergruppen in den Institutionen der EU. Fast jede Parteien im Europäischen Parlament hat inzwischen ihr Seminar über den Islam veranstaltet. Der Präsident der Europäischen Kommission Romano Prodi gründet eine Beratergruppe, um den Europa-Mittelmeerdialog wieder zu aktivieren. Auffällig bei den Dialogveranstaltungen, die seit etwa einem Jahr in Brüssel organisiert werden, ist die Tatsache, dass der Dialog mit dem Islam meistens auf einen interkulturellen Dialog eingeengt wird. Der Dialog mit dem Islam muss allerdings die religiöse und die politische Dimension des Islam miteinbeziehen, um dem islamischen Selbstverständnis gerecht zu werden. Dass Politiker diesen Dialog mit dem Orient intensivieren wollen ist verständlich. Der Orient liegt vor der europäischen Haustür, und die historischen und wirtschaftlichen Verbindungen Europas mit diesen Ländern sind zu intensiv, als dass die religiöse Dimension außer acht gelassen werden könnte. Die Verbindungen zwischen diesen zwei Welten können nicht nur auf "Erdöl" eingeengt werden. Ferner will die EU der islamisch geprägten Türkei 2004 einen Termin für die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen geben. Millionen von Muslimen aus dem Maghreb und dem Vorderen Orient kamen als Arbeitsmigranten oder Flüchtlinge und sehen in Europa ihre Zukunft. Auch spielt der demographische Faktor eine wichtige Rolle, denn im Gegensatz zu der alternden Gesellschaft in der EU ist die Bevölkerung in den islamischen Ländern mehrheitlich jünger als 30 Jahre alt. Wohnten in den sechziger Jahren noch zwei Drittel der Bevölkerung um das Mittelmeer in den Staaten, die heute der EU angehören, so ist das Verhältnis heute umgekehrt. Diese Tatsache schafft wiederum in diesen Staaten enorme wirtschaftliche, kulturelle und soziale Probleme, die die Regierungen kaum alleine lösen können. Auch das politische Problem Palästina ist ein sehr schwieriges Kapitel im Dialog zwischen Europa und dem Orient. Ungleichzeitigkeit Der Dialog mit der islamischen Welt ist notwendig. Er leidet aber an der Ungleichzeitigkeit, weil beide Partner von unterschiedlichen Religions- und Politikvorstellungen ausgehen. Die Auswanderung (hidjra) Muhammads 622 von Mekka nach Medina war die Grundlegung des islamischen Staates. Der Islam brachte einen Staat hervor. Seine rasche Ausbreitung von Marokko bis nach Indien im 8. Jahrhundert war für die Muslime der Beweis, dass der Islam die wahre göttliche Religion sei. Seit dem 9. Jahrhundert beginnen muslimischen Wissenschaftler die Koranexegese auszuarbeiten. Muslimische Juristen erarbeiten, in einer Position der politischen Stärke, exakte - und für sie verbindliche - Richtlinien für die Organisation der islamischen Gesellschaft und des islamischen Staates. In dieser für sie göttlichen Ordnung kann ein Muslim nicht zwischen religiöser, kultureller und politischer Zugehörigkeit unterscheiden. Europa ging einen anderen Weg. Das Christentum brachte keinen Staat hervor, Im Anschluss an das Buch Daniel waren die Christen der Meinung, dass das durch den christlichen Glauben verwandelte Römische Reich das letzte und bleibende Reich der Weltgeschichte sei. Sie interpretierten das sich konstituierende Völker- und Staatsgebilde in Europa als das bleibende Sacrum Imperium Romanum. Aber schon seit dem Umzug von Kaiser Konstantin von Rom nach Byzanz wurde in Rom die Dualität der Gewalten gelehrt. Papst Gelasius (492-496) schrieb an Kaiser Anastasion: Kaiser und Papst haben getrennte Vollmachten, keiner verfügt über das Ganze. Das Christentum gab die Trennung von Religion und Politik vor, über die Grenzen wurde dann aber über Jahrhunderte gestritten. Die Französische Revolution brachte dann einen radikalen Umbruch. Das Sacrum Romanum verlor an Bedeutung und auch seine tragende Geschichtsdeutung. Von nun an misst sich die Geschichte nicht mehr an einer ihr vorausliegenden Idee Gottes. Der Staat wird in Europa rein säkular oder laïzistisch betrachtet. Er ist auf Rationalität und Bürgerwillen gegründet. Religion wird zur Privatsache erklärt, die nicht ins Öffentliche der gemeinsamen Willensbildung gehört. Politik wird allein als Sache der Vernunft angesehen. Wie stark diese Position heute von der Politik in Europa vertreten wird zeigt die Diskussion um einen religiösen Bezug im zukünftigen Verfassungsvertrag der Europäischen Union. EU-Mittelmeerdialog Der Dialog zwischen Europa und der islamischen Welt wird also von der gleichzeitigen Ungleichzeitigkeit geprägt und der Dialog muss diese Spannung beachten. Er muss die verschiedenen Dimensionen einbeziehen. Das heißt, wenn im Mittelmeerdialog die wirtschaftliche Zusammenarbeit ausgebaut werden soll, dann müssen auf islamischer Seite religiöse und soziale Komponenten miteinbezogen werden. Wenn man darauf verzichtet, wird die wirtschaftliche Zusammenarbeit keinen Erfolg zeitigen. Die Erfahrungen der letzten dreißig Jahren in Algerien sind dafür ein klarer Beweis. Der politische Dialog, der ein weiterer Bestandteil des EU-Mittelmeerdialogs ist, darf die religiösen Inhalte des Islam nicht auf Kultur einengen und darf Palästina nicht ausgrenzen. Eine demokratische Kultur wie in Europa wird es in den islamischen Ländern in naher und ferner Zukunft nicht geben. Die junge Generation der Herrscher in Marokko, Jordanien und Syrien beschreiten aber neue Wege, wenn z.B. Minister in Syrien heute auf Fragen von Journalisten antworten, auch wenn dies vergleichsweise zaghafte Schritte sind. Palästina und Israel wird allerdings das schwierigste Kapitel im Dialog zwischen Europa und der islamischen Welt bleiben, weil gerade religiöse Emotionen auf Seiten der Muslime und der Israelis eine große Kraft entfalten. Einen Beitrag zu diesem Dialog könnten sicherlich die Kirchen und muslimische Organisationen liefern. Der interreligiöse Dialog wird übrigens bereits seit über dreißig Jahren intensiv geführt. Die Ergebnisse werden allerdings von der Politik nicht wahrgenommen, und dies wiederum liegt, wie oben erläutert, im europäischen Politikverständnis begründet. Es wäre notwendig, dass politische Institutionen Rahmen und Bedingungen schaffen würden, die einen gemeinsamen Dialog ermöglichen würden. Die Gesellschaft würde davon profitieren. Europa und der Orient leben seit 1400 Jahren in einer konfliktuellen Nachbarschaft. Die Globalisierung bindet heute diese unterschiedlichen Regionen enger zusammen. Die Gesellschaften im Orient und Europa sind von Kulturen geprägt, die aus sehr unterschiedlichen Quellen schöpfen. Wenn der Dialog Früchte bringen soll, muss er diese Unterschiedlichkeit miteinbeziehen. Für beide Seiten ist es ein Lernprozess, der seine Zeit braucht.


