Das Haus Europa gemeinsam weiterbauen
Am 9. April 2003 hat das Europäische Parlament mit großer Mehrheit dem Beitritt von zehn weiteren Staaten zur EU zugestimmt. Am 16. April wurden die Beitrittsverträge in Athen feierlich unterzeichnet. Damit sind die letzten Hürden für den wirklichen Beitritt am 1. Mai 2004 beseitigt - oder zumindest fast alle. Die Parlamente der fünfzehn Mitgliedsstaaten müssen noch den Beitrittsvertrag ratifizieren und - als Hindernis mit der größten Unsicherheit - in neun der zehn Beitrittskandidatenländer muss sich die Bevölkerung in einem Referendum für oder gegen den Beitritt aussprechen. Drei dieser Referenda haben bereits mit positivem Ausgang stattgefunden (Malta, Slowenien und Ungarn), die anderen Volksabstimmungen werden bis Ende September 2003 abgehalten (siehe Europe Infos 48).
Selbst wenn in allen Beitrittsländern die Befürworter eines EU-Beitritts über eine Mehrheit verfügen, so ist ihr Ausgang doch nicht gewiss. In manchen Fällen ist die Mehrheit so dünn dass selbst durch kleinere Zwischenfälle die Stimmung noch umschlagen kann.
In dieser Situation melden sich die Bischofskonferenzen der einzelnen Beitrittsländer mit Botschaften an die Gläubigen zu den Volksabstimmungen zu Wort. In den fünf bereits vorliegenden Botschaften (Slowakei, Malta, Litauen, Slowenien und Ungarn) lassen sich vier Hauptthemen herausarbeiten.
Hauptthemen
1. Die Bischöfe rufen die Bevölkerung auf, die Gunst der Stunde zu nutzen. Sie müsse das Entstehen eines neuen und größeren Europas nicht mehr nur von außen beobachten, sondern habe die Möglichkeit, sich als gleichberechtigter Partner aktiv am "Ausbau" und der "Einrichtung" des gemeinsamen Hauses Europa zu beteiligen, und damit zu einer menschenwürdigen Zukunft für alle in Europa lebenden Völker beizutragen.
2. Der Weg nach Europa wird, nach der erst vor kurzem wieder gewonnenen Freiheit und der wieder gefundenen nationalen Identität nicht leicht werden. Manche mag der "Weg nach Europa" mit seinen Erfordernissen, seinem Abschied von liebgewonnenen Errungenschaften und den notwendigen Strukturanpassungen an die Wanderung des Volkes Israel durch die Wüste erinnern. Das gilt umso mehr, als auch die Europäische Union selbst und ihre Strukturen noch weit von ihrem anfänglichen Ideal entfernt sind und sich in einer weiteren und entscheidenden Entwicklungsphase befinden. Darin liegt aber auch die Chance der Beitrittsländer, "Europa und seine Werteordnung mitgestalten können".
3. Alle Beitrittsländer sind durch ihre Geschichte und Kultur schon immer Teil Europas und brauchen nicht erst als Europäer zu beweisen. Eher hat Europa durch ihren Beitritt die Möglichkeit, wirklich Europa zu werden. Da Europas Kraft und Einheit in der Vielfalt seiner Völker und Kulturen liegt, gilt es, die eigene Identität in diesem Europa zu bewahren und zum Vorteil aller einzubringen.
4. Wie jeder einzelne Christ und jede Christin sich bei der Abstimmung verhalten soll, ist letztendlich eine Gewissensentscheidung, der die Bischöfe nicht vorgreifen wollen. Diese Entscheidung kann aber nur im Bewusstsein der damit verbundenen Verantwortung gefällt werden. Dazu gehört es auch, nicht der Propaganda zu erliegen, sondern sich so umfassend und ausführlich wie möglich über Vor- und Nachteile eines Beitritts zu informieren, und dabei das Gemeinwohl, sowohl des eigenen Landes wie auch Europas als ganzem nicht aus den Augen zu verlieren. Dabei betonen alle Bischofskonferenzen die Wichtigkeit der Teilnahme am Referendum - sie enthalten sich aber durchgehend einer Empfehlung, für oder gegen den Beitritt zu stimmen.
In den Bischofskonferenzen von Polen und der Tschechischen Republik wird noch über ein gemeinsames Wort der Bischofskonferenz oder über eigene Aufrufe der einzelnen Diözesanbischöfe nachgedacht.


