Wednesday 22. May 2013
Nr. 49 (5/2003)

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Europa der Universitäten

Trotz eines augenscheinlichen Konsenses werden im Rahmen des Bolognaprozesses, bei dem es um das Hochschulwesen geht, radikale Fragen aufgeworfen


Durch das Zusammenrücken der verschiedenen europäischen Länder wird die Aufnahme von engeren Beziehungen in neuen Bereichen ermöglicht. Das gilt auch für die Universitäten, selbst wenn Bildung im Wesentlichen ein Bereich der nationalen Politik bleibt. Aber es ist möglich, Initiativen zu ergreifen, Kontakte vereinfachen und die universitären Pole zu harmonisieren. Bologna-Erklärung Dies entspricht dem erklärten Ziel der europäischen Bildungsminister bei ihrem Treffen in Bologna im Jahre 1999. Die Minister streben eine größere Mobilität der Studierenden und Lehrkräfte sowie die Schaffung eines Systems vergleichbarer Abschlüsse an. Darüber hinaus wollen sie die europäische Dimension des Hochschulwesens fördern. Die europäischen Universitätsrektoren waren 10 Jahre zuvor zusammengekommen, um eine Universitätscharta zu unterzeichnen, in der die Unabhängigkeit der Universitäten gegenüber jeglicher politischer Macht, die Einheit der Lehr- und Forschungsaktivitäten sowie die Öffnung der Universitäten für alle Kulturen auf der Grundlage des humanistischen Erbes Europas unterstrichen werden. Die Studierenden ihrerseits betonten vor allem die Verantwortung des Staates im Hinblick auf einen gleichberechtigten Zugang zum Hochschulwesen. Ernsthafte Fragen Seit über zehn Jahren scheinen die verschiedenen Debatten auf einen Konsens hinaus zu laufen, nämlich der Harmonisierung der Hochschulaktivitäten in Europa. Die Suche nach Vereinheitlichung ist an sich positiv, wirft aber Fragen auf. Eine von ca. fünfzehn Rektoren europäischer Jesuitenhochschulen durchgeführte Studie verdeutlicht die Gefahren. Warum sollte man eilige Entscheidungen treffen, wo es doch noch gar keine öffentliche Debatte gegeben hat? Bemüht man sich nicht um die Förderung einer "guten Universität", die den Kriterien eines liberalen Wirtschaftsraums genügen würde? Müsste sich das Hochschulwesen demnach den Kriterien der freien Wirtschaft anpassen, wenn es ihm in der Auswahl der Universitäten nur um Geld und die Anzahl der Studenten geht? Eine derartige Harmonisierungswelle wäre sicherlich förderlich für die Kommunikation und die Kontakte, birgt aber auch die Gefahr in sich, sämtliche Besonderheiten und Unterschiede auszumerzen. Anstatt äußerst unterschiedliche Bildungssysteme vergleichbar zu machen, wäre es besser, in Richtung eines ausdrücklichen Pluralismus zu wirken, innerhalb dessen ein Dialog zwischen den verschiedenen Kulturen möglich wäre. Hinter der Achtung der Besonderheiten verbirgt sich auch das Vertrauen in den Menschen, über das in den aktuellen Texten kein Wort verloren wird. Die Universität hat nicht nur die Aufgabe, Wissen zu vermitteln, sondern darüber hinaus Männer und Frauen formen und ihnen die Mittel an die Hand geben, sich ein kritisches Urteil zu bilden, das es ihnen ermöglicht, zu Akteuren einer menschlichen Gesellschaft zu werden und nicht nur das Räderwerk einer sozialen Antriebsvorrichtung zu sein. Die vorgeschlagene Einteilung der Studiengänge in zwei Zyklen, der erste aus drei, der zweite aus zwei Jahren bestehend, geht mit dem Wunsch nach einer Spezialisierung der Hochschuleinrichtungen einher. Die Gefahr eines derartigen Vorgehens liegt darin, dass darüber die allgemeine Ausbildung vernachlässigt wird, eine Ausbildung, die besser auf ein lebenslanges Lernen vorbereitet. Eine frühzeitige Spezialisierung ermöglich das Aneignen eines großen Wissensschatzes, doch erfolgt dies auf Kosten der Qualität und eines echten Dialogs zwischen Lehrkräften und Studierenden. Aus diesem Grunde sollte man sich gegen eine Fragmentierung des Wissens aussprechen und soweit wie möglich eine globale Perspektive beibehalten. Diese im Rahmen des Bolognaprozesses aufgeworfenen Fragestellungen versuchen daran zu erinnern, dass die Universitäten die Förderung von Wissen und Kultur nicht dem reinen Nutzdenken unterordnen dürfen.
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