Die Kirchen und die Europäische Integration
Kirchengeschichte: Die Kirchen und die Europäische Integration
Die Rolle der Kirchen in der Zeit des Kalten Krieges und in der Zeit der Wende in Europa werden in der Wissenschaft mit unterschiedlichen Positionen diskutiert. Diese in weiten Teilen auch über die Grenzen der Fachwissenschaften hinaus geführte Debatte wird nicht nur von der Frage bestimmt, wie die verschiedenen Kirchen im Systemkonflikt agierten und welche Rolle sie auch politisch spielten und zu spielen hatten. Vielmehr wird auch die Frage gestellt, welches Verhalten der Kirchen richtig war oder gewesen wäre und welche Schuld die Kirchen auf sich geladen haben.
Das Projekt "Churches in the European Integration", das seit September 2001 besteht und von der EU-Kommission finanziert wird, möchte in diese Debatte eingreifen, ohne die Schuldfrage in irgendeiner Form zu thematisieren. Dabei steht neben dem kirchlichen Agieren und Reagieren in dieser Zeit die Integration im Mittelpunkt des Interesses: Wie verhielten sich die verschiedenen Kirchen zur Integration, deren Grundpfeiler für Westeuropa in der Zeit des Kalten Krieges auch als Reaktion auf den Systemkonflikt geschaffen wurden?
Welches Europabild haben die verschie-denen Kirchen? Wie gestalten sich die heutigen Positionen der Kirchen zu den aktuellen Ansätzen der Integration - gerade in den Ländern, die durch die Osterweiterung der EU besonders betroffen sind? Was können und wollen die verschiedenen Kirchen zur Europäischen Integration beitragen? Und: Auf welchen Urteilen und Traditionen der Kirchen beruhen ihre Einstellungen zur politischen Integration in Europa?
Im Rahmen dieser Fragen bearbeiten historische, kirchenhistorische und theologische Institute aus Glasgow, Helsinki, Lund, Münster und Tartu je ein oder mehrere Spezialthemen aus folgenden Bereichen: Frieden und Ökumenische Dialoge, Kirchen im Kontext politischer und ökonomischer Veränderungen in Europa, die politische Arbeit der Christenheit, Kirchen und Europäische Integration in den ersten Jahren des Kalten Krieges, kultureller und sozialer Einfluss von nordeuropäischen Kirchen auf die Europäische Integration und die Bedeutung der Kirchen für politischen Wandel - besonders in den Zeiten der sogenannten Wende.
Beitrag zur Zukunft
Aufgrund der weit gestreuten Spezialthemen hat das Projekt "Churches in the European Integration" einen sehr weiten Blickwinkel. So kommen die verschiedenen Etappen der europäischen Nachkriegsgeschichte ebenso in den Blick wie die unterschiedlichen Positionen verschiedener Konfessionen und Kirchen an den Brennpunkten der Systemgrenze und die verschiedenen Ebenen der Ökumene mit ihren bilateralen und multilateralen Gesprächen und Kontakten. Dabei bleibt die übergeordnete Frage die nach dem Verhältnis der Kirchen zum Gedanken der Europäischen Integration. Grundlage der Forschungsarbeit in den verschiedenen Teilen des Projektes sind neben den heute schon vorhandenen Forschungsergebnissen das Material aus seit der Wende zugänglichen Archiven verschiedener kirchlicher und politischer Einrichtungen und Gespräche mit heute noch lebenden Zeitzeugen. Im Abstand von jeweils einem halben Jahr treffen sich alle am Projekt Beteiligten, um die verschiedenen Positionen und Ergebnisse der einzelnen Projekte zu diskutieren und ihre Bedeutung hinsichtlich der Hauptfrage nach den Positionen der Kirchen zu und in der Europäischen Integration zu beleuchten.
Die Ergebnisse des Projektes, das im August 2004 enden wird, werden der EU-Kommission zur Verfügung gestellt. Es soll bei den aktuellen Fragen der Europäischen Integration und besonders im Hinblick auf die Erweiterung der EU eine Informa-tionsgrundlage und Entscheidungshilfe für beteiligte Politiker, aber auch für die in den verschiedenen Kirchen mit der Integration befassten Personen sein. Daneben sollen sie ein Beitrag zur Aufarbeitung der jüngsten europäischen Vergangenheit sein und interessierten Lesern zu Verfügung gestellt werden.


