Der illegale Organhandel in Europa nimmt zu
Mit den beachtlichen Fortschritten der Transplantationsmedizin wächst die Nachfrage nach menschlichen Organen. Doch das Angebot reicht bei weitem nicht aus. 15 bis 30% der Transplantationspatienten sterben, während sie auf das Organ warten.
International organisierte Verbrecherbanden haben diese ?Marktlücke? längst erkannt. Sie wissen, dass Menschen in Not auf Druck recht schnell bereit sind, ihre Organe zu verkaufen. Das System funktioniert hervorragend und lukrativ, weltweit. Schon in den 1980er Jahren reisten reiche Asiaten nach Indien und in andere Länder Südostasiens, weil sie dort wegen der großen Armut leichter Zugang zu Organspenden hatten. Inzwischen reisen diese ?Transplantationstouristen? auch nach Brasilien und auf die Philippinen. In Indien besteht der Organhandel weiter, obwohl der Verkauf von Organen inzwischen in den meisten Regionen per Gesetz verboten wurde. In China werden angeblich die Organe hingerichteter Gefangener verkauft.
Der illegale Handel mit menschlichen Organen existiert auch in einigen Ländern Osteuropas. Dort sind es häufig junge Menschen, die aus Armut eine Niere verkaufen. 3000 Euro bekommen sie angeblich dafür, während die Empfänger für ein transplantiertes Organ zwischen 100 000 und 200 000 Euro bezahlen müssen.
Schlimm ist, dass sich der Gesundheitszustand dieser Organspender oft langsam aber sicher verschlechtert. Schuld daran sind die mangelhafte medizinische Versorgung, die harte Arbeit und die ungünstigen Lebensbedingungen mit schlechter Ernährung, mitunter verbunden mit hohem Alkoholkonsum. Einige müssten selbst regelmäßig zur Dialyse oder bräuchten gar eine Nierentransplantation...
Den menschlichen Körper verkauft man nicht
Der Organhandel wirft viele ethische Fragen auf: Darf es sein, dass die Armen für die Gesundheit der Reichen aufkommen? Darf man es zulassen, dass Menschen ihre Not lindern, indem sie ihre Gesundheit verkaufen? Darf man es zulassen, dass die Armut die Menschenwürde und die Gesundheit gefährdet? Ist es aus medizinisch-ethischer Sicht zulässig, dass Organempfänger Hilfe erhalten, während das Schicksal der Spenderinnen und Spender ignoriert wird?
Dass der menschliche Körper und Teile davon nicht zur Erzielung eines finanziellen Gewinns verwendet werden dürfen, gehört zu den rechtlichen Errungenschaften des Europarates. Dieser Grundsatz wurde in Artikel 21 der Menschenrechtskonvention zur Biomedizin verankert und im Zusatzprotokoll über die Transplantation von Organen und Geweben menschlichen Ursprungs bekräftigt.
Der Organhandel ist in den meisten Mitgliedsstaaten des Europarates per Gesetz verboten, doch bei der Umsetzung gibt es fast überall rechtliche Lücken. Nur selten wird im Strafgesetzbuch eindeutig festgehalten, wer für den Organhandel strafrechtlich haftet. Eigentlich sollten die Organlieferanten, die Zwischenhändler, das Klinikpersonal und das Laborpersonal, das an der illegalen Transplantation beteiligt war, strafrechtlich verfolgt werden können. Gleiches gilt für Mediziner, die den Transplantationstourismus fördern, aber auch für das medizinische Personal, das die Verkäufer von Organen nach der Transplantation betreut, ohne die Gesundheitsbehörden zu alarmieren. Denn hier könnte ein erster Ansatz zur Aufklärung liegen.
Wie so viele kriminelle Handlungen ist der Organhandel nur schwer nachweisbar. Die Fahndung sollte man aber nicht den Medien überlassen. Die Staaten müssen den illegalen Organhandel offen bekämpfen, auf nationaler Ebene und, durch multilaterale Zusammenarbeit, auch auf europäischer Ebene.


