Die große Angst der Europäer
Nach Berechnungen der Europäischen Kommission nahm die Bevölkerung östlich und südlich des Mittelmeers im Zeitraum von 1995 bis 2000 jährlich um 2,5% zu. In der selben Zeit nahm die Bevölkerung in den europäischen Ländern, die an das Mittelmeer grenzen, nur noch um ungefähr 1% zu. Man ist sich darüber einig, dass die Migrationsbewegung vom Süden in den Norden durch eine Kapitalbewegung vom Norden in den Süden abgebremst werden muss. Das setzt allerdings politische Stabilität und Sicherheit im Süden voraus. Die demographische Struktur der islamischen Länder rund um das Mittelmeer wächst allerdings weniger schnell, als man in Europa vermutet. Um das Jahr 1965 zählte man pro Familie zwischen 7 und 9 Kindern. Am anfang der 90-er Jahre sank der synthetische Fruchtbarkeitsindex pro Frau in Tunesien auf 3 Kinder, in Marokko auf 3,5 Kinder, in Algerien auf 4,6 Kinder, in Ägypten auf 4,7 Kinder, aber in Syrien auf 6 Kinder ? mit den regionalen Unterschieden zwischen Stadt und Land. Allerdings wächst die Berufsbevölkerung auch weiterhin, vor allem wenn die Zahl der außer Hauses arbeitenden Frauen zunimmt. Der ?demographische Zug? hält ja erst nach mehr als einer Generation. Auch in Europa nehmen die Geburtenzahlen bei aufeinander folgenden Moslemgenerationen weiter ab. Aus einer Studie der Freien Universität von Brüssel und der Universität von Gent wird deutlich, dass bei den jüngsten Generationen der marokkanischen und türkischen Frauen der Kinderwunsch auf das Niveau der belgischen Frauen sinkt, wobei sowohl der Generationeneffekt als auch der Effekt der Aufenthaltsdauer im Land eine Rolle spielen. Und der Islamismus? Man kann natürlich der Interpretation des französischen Soziologen Gilles Kepel folgen. Seiner Meinung nach rächen sich die Religionen für ihre Verdrängung und werden sie dabei von einem aggressiven Fundamentalismus bestimmt. Sie würden die Verteidigung der eigenen Identität (und der eigenen Kultur) suchen, gegenüber dem Anderen, sei es eine andere (konkurrierende) Religion oder der Agnostizismus. Was zeigen uns aber die Fakten? Durch die niedrige Geburtsrate nimmt die Zahl der Juden ab. Das Christentum in Europa befindet sich noch immer in einer fortschreitenden Krise. Und tausende Muslime bezahlen den Preis für den Islamismus ? nicht in Europa, sondern in den islamischen Ländern selbst. Inzwischen ist ja bereits bei den Intellektuellen, den Schriftstellern, den Journalisten, den Wirtschaftstreibenden und den Politikern, vor allem in Ägypten, Marokko und Tunesien, aber auch in Jordanien und Algerien, durch westlichen Einfluss ein Modernisierungsprozess eingetreten. Die bestimmenden Kreise wünschen sich Fortschritt und Entwicklung und sie sind sich des enormen Rückstands ihrer Gebiete bewusst, vor allem durch das verkrampfte Festhalten an einer bestimmten Interpretation des Islam. Sie beabsichtigen, unter Bewahrung aller positiven Werte ihrer islamischen Kultur, eine Integration dessen, was sie im Westen für wertvoll erachten. Auch die Emanzipationsbewegung der Frauen nimmt überall zu. Zyniker meinen: solange die Moslemstaaten sowohl untereinander als auch intern zerstritten sind, braucht Europa nichts zu fürchten. Aus einer längerfristigen Sicht ist dieser Standpunkt verantwortungslos. Wir befinden uns ja im selben Boot, und um dieses Bild zu verdeutlichen, dieses Boot befindet sich im Mittelmeer. Alle Küstenstaaten mit ihrem Hinterland sind dazu gezwungen, zusammen zu arbeiten. Nicht nur aktive Christen wünschen sich das, sondern auch Israel, für das diese Frage eine Überlebensfrage ist, und sicher alle wichtigen Politiker. Alle wissen, dass es keinen Weg zurück gibt und dass eine neue Seite der im Buch der Geschichte geschrieben werden muss. Neue Strukturen mit politischen und wirtschaftlichen Abkommen müssen dazu beitragen. Vor allem aber ist eine neue Mentalität höchst notwendig.


