Kirche und Gesellschaft im Osten und im Westen
Vor wenigen Wochen fand in Rom ein Treffen zwischen Präsident Putin und Papst Johannes Paul II. statt. Die Gründung katholischer Bistümer in Russland vor knapp zwei Jahren stellt ein spezielles Problem zwischen der Russischen Orthodoxen Kirche und der Katholischen Kirche dar. Ein Dialog auf hoher kirchlicher Ebene ist nur sehr schwer möglich. Daher kam diesem Treffen zwischen dem Papst und Putin eine besondere Bedeutung zu. In vielen osteuropäischen Staaten gibt es eine sehr enge Beziehung zwischen dem Staat und der orthodoxen Kirche, so dass sich religiöse und staatliche bzw. politische Themen nicht einfach voneinander trennen lassen.
Obwohl die politischen und religiösen Kontakte häufig parallel laufen, muss man zwischen einem politischen und einem kirchlichen Begriff ?Westeuropa? unterscheiden. Nach der EU-Erweiterung wird nach Griechenland mit Zypern ein weiterer orthodoxer Mitgliedstaat der Gemeinschaft beitreten. Darüber hinaus existieren in Polen sowie in Tschechien und der Slowakei selbstständige orthodoxe Kirchen, in anderen Staaten große Gruppen von Orthodoxen (etwa im Baltikum). Die Grenzen zur Orthodoxie verlaufen also nicht entlang der politischen Grenzen der EU. Andererseits lassen sich die im ökumenischen Dialog entstandenen Probleme sehr häufig auf kirchenpolitische oder kirchenhistorische Fragen, insbesondere auf die Frage nach der Griechisch-Katholischen ("unierten") Kirche zurückführen. Letzten Endes hängt dieser Frage mit der Ekklesiologie und somit mit der Problematik des päpstlichen Primats zusammen - einer theologischen Frage, die auch theologisch beantwortet werden muss. Allerdings können zwischenkirchliche Beziehungen dazu beitragen, gesellschaftliche Prozesse in den neuen Nachbarländern zu beeinflussen und positiv zu stimulieren. Als Beispiel lassen sich hier die Beziehungen der Katholischen Kirche zur Serbischen Orthodoxen Kirche anführen, die sich in den letzten Jahren stark verbessert haben.
Stand des Dialogs
Seit 1979 findet auf Weltebene ein offizieller theologischer Dialog zwischen allen orthodoxen Kirchen und der Katholischen Kirche statt. Dieser Dialog ist jedoch vor etwa fünfzehn Jahren ins Stocken geraten, da die Frage nach der Griechisch-Katholischen Kirche neu gestellt wurde. Viele orthodoxe Kirchen haben der Katholischen Kirche in diesem Zusammenhang Proselytismus vorgeworfen. Manche Probleme sind heute gelöst oder befinden sich auf dem Weg einer Lösung. Der Dialog auf dieser Ebene stockt jedoch noch immer. Dazu kommen die genannten Schwierigkeiten zwischen der Katholischen Kirche und der Russischen Orthodoxen Kirche.
Es gibt aber auch viele ermutigende Zeichen. Auf lokaler Ebene, besonders in den westlichen Ländern, finden sich vielfach Beispiele guter Zusammenarbeit mit einzelnen orthodoxen Kirchen. Schließlich lassen sich auch die Erfahrungen mit der Orthodoxie in Griechenland anführen, das seit vielen Jahren Mitgliedstaat der EU ist.
Ökumenische Beziehungen können einen Beitrag zum politischen Prozess leisten, insofern sie nicht nur politische, sondern auch gesellschaftliche Veränderungen betreffen, etwa ein besseres Bewusstsein für die jeweils andere Kirche. Hier im Westen wissen viele Menschen wenig von der Orthodoxie, und in den orthodoxen Ländern wissen viele Menschen wenig von der westlichen Kirche. Daher sind Austausch, Gemeindepartnerschaften, akademische Zusammenarbeit, Zusammenarbeit im humanitären und sozialen Bereich von sehr großer Wichtigkeit für ein besseres Kennenlernen. Ein solches Kennenlernen hat natürlich keine direkten politischen Konsequenzen, wird aber gesellschaftsverändernde Konsequenzen nach sich ziehen.


