Menschheitsvisionen in einer technologischen Welt
In gebührendem Abstand vom Tagesgeschäft einen Raum zu schaffen, um über grundlegende Fragen der modernen Biologie nachzudenken, sie im Zusammenhang mit Geschichte, Philosophie und Gesellschaft zu diskutieren und zu fragen, wie das neue Wissen die Vision der Menschheit von sich selbst beeinflusst ? deswegen hatte die EU-Kommission eine Tagung über ?Moderne Biologie und Menschheitsvisionen? am 22.-23. März im Geburtsort von Christopher Columbus veranstaltet. Vertreter verschiedenster Disziplinen waren zum Diskurs gebeten worden: Naturwissenschaftler, Psychiater, Philosophen, Soziologen, Politiker, Journalisten und Schriftsteller. Die erste Frage war, ob der im Zeitalter der Aufklärung entstandene Fortschrittsglaube weiterhin angemessen sei. Der Genetiker Axel Kahn betonte, dass Wissen und neue Technologien den Menschen immer wieder zwingen, eine Entscheidung zu treffen, die außerhalb der naturwissenschaftlichen Kompetenz liegt. Der Philosoph Evandro Agazzi hob hervor, dass die Ersetzung von Metaphysik und Religion durch Naturwissenschaften zu einer zunehmend techno-wissenschaftlichen Sicht des Menschen geführt habe, die das Gespür für das Wesen des Menschen verloren habe; der Mensch sei mehr als nur eine Maschine. Er betonte die Wichtigkeit, auch nicht-naturwissenschaftliche Quellen des Wissens wieder zu nutzen: Literatur, Poetik, Künste, Philosophie und Religion. Die Soziologin Helga Nowotny forderte, Sozialwissenschaftler und die Öffentlichkeit früher als bisher konstruktiv an der Lösung aktueller Fragen mitwirken zu lassen. EU-Kommissar Philippe Busquin versuchte die abstrakte Debatte für die für ihn wichtige Frage nutzbar zu machen: Ob denn Forschung abhängig gemacht werden solle von gesellschaftlicher Akzeptanz. Eine Frage, auf die er in dieser Form keine Antwort erhielt. Weiterhin ging es um Möglichkeiten und Grenzen des wissenschaftlichen Reduktionismus und um die Rolle der Demokratie angesichts des revolutionären Potentials der modernen Biologie. Der Psychologe und anglikanische Priester Alan Watts unterschied zwischen methodologischem und ideologischem Reduktionismus: während ersterer die legitime Methodik der Naturwissenschaften darstelle, leugne letzterer nicht nur alles nicht-naturwissenschaftlich Erklärbare; er sei auch benutzt worden für einen antireligiösen Kreuzzug. Erst wenn sich Wissenschaftler von solchem ideologischen Reduktionismus distanzierten, könnte das Vertrauen der Öffentlichkeit wieder gestärkt werden. Auch der Neurobiologe Steven Rose machte sich diese Unterscheidung zu eigen. Wissen an sich sei zwar abstrakt, aber die enge Verbindung zwischen Wissenschaft und Politik dürfe nicht übersehen werden. Wertneutrale Forschung? Kontrovers wurde es bei der Frage der ?Wertneutralität? von Forschung. Der Biologe Lewis Wolpert verteidigte wortgewandt die Neutralität der Naturwissenschaft und sprach Bioethik und Geisteswissenschaften jegliche Relevanz in diesen Fragen ab. Naturwissenschaftliches Wissen als solches sei wertfrei. Als es um die Frage der Stammzellforschung ging, erklärte er, es gebe ?keinerlei Hinweise? darauf, dass eine befruchtete Eizelle eine Person sei. Ihm wurde vorgeworfen, er verletze durch derartige Äußerungen sein Argument der ?Wertneutralität? der Forschung: Da die Frage, was Personsein ausmacht, keine naturwissenschaftliche Frage sei, könne sie nicht aus rein naturwissenschaftlicher Sicht beantwortet werden. Die Politikwissenschaftlerin Sophie Bessis warf ein, selbst wenn die Forschung als solche wertneutral sei, die Forscher seien es ihrer Erfahrung nach nicht. Die Forderung nach einer ?bescheideneren? Naturwissenschaft wurde laut: Dieser könne es gelingen, das Vertrauen der Öffentlichkeit zurückgewinnen um in einen Dialog mit ihr einzutreten.


