Saturday 25. May 2013
Nr. 67 (1/2005)

Content:

Europäische Werte?

?Gemeinsame Werte aufbauen?(?building up shared values?) ? dafür plädierte eine Ministerkonferenz des Europarats im Dezember in Wrocław. In der Abschlusserklärung werden ?Offenheit, Fair-Play und Bereitschaft, den anderen zu akzeptieren?(?open-mindedness, fair play and readiness to accept the other?) ausdrücklich als Werte genannt, daneben finden andere Werte, unter anderem die ?Werte des Sports?, Erwähnung.
Auch für die EU gilt: Werte sind in aller Munde. Kaum jemand, der nicht beschwören würde, dass der große Binnenmarkt vor allem eine ?Wertegemeinschaft? sein wolle. Der Entwurf zum Verfassungsvertrag widmet seinen zweiten Artikel den ?Werten der Union?. Natürlich ist dieses Bekenntnis zu ?Werten? zunächst positiv. Dennoch mag einen angesichts der zu beobachtenden Hypertrophie der Werterhetorik ein gewisses Unbehagen beschleichen. Auch die Werteaufzählung im Verfassungsvertrag kann man als ? sit venia verbo - beliebig empfinden: Die ?Werte? werden dort einfach gesetzt und nebeneinander gesetzt; ihre Verbindung, ihre Zuordnung, ihre Verwiesenheit wird nicht entwickelt. So wichtig ?Demokratie? ist ? sie, wie in Art. 2, auf gleicher Ebene wie die ?Achtung der Menschenwürde? anzusiedeln, ist verfehlt; und wenn in Art. 3 der ?freie Handel? in einer Reihe mit dem ?Schutz der Menschenrechte? genannt ist, macht einen das ratlos. Vielleicht kommt hier eine Unsicherheit darüber zum Ausdruck, was ?Werte? denn nun genau sind? Und vielleicht ist das ja auch gar nicht so einfach zu sagen. Das, was eine ?Wertegemeinschaft? ausmacht, kann jedenfalls nicht völlig eingeholt werden von politischen Prinzipien oder juristischen Definitionen. Dem korrespondiert die Tatsache, dass Werte nicht einfach ?verfügbar? sind oder angeordnet werden können. Dies sind keine neuen Thesen. Wolfgang Bockenförde, früher Richter am deutschen Verfassungsgericht, hat 1967 den berühmten Ausspruch geprägt, dass ?der freiheitliche säkulare Staat von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht garantieren kann?. Und der Philosoph Jürgen Habermas gab 2001 zu bedenken: ?Der liberale Staat muss in Anbetracht der religiösen Herkunft seiner moralischen Grundlagen mit der Möglichkeit rechnen, dass die ?Kultur des gemeinen Menschenverstandes? (Hegel) das Artikulationsniveau der eigenen religiösen Entstehungsgeschichte nicht einholen kann?. Freilich muss man christliche Kurzschlüsse vermeiden: Die ?Werte?, auf denen unsere europäischen Gesellschaften aufbauen, sind nicht ?christlich? in dem Sinne, dass sie nur aus dem christlichen Glauben heraus plausibel gemacht werden könnten. Umgekehrt muss gesagt werden, dass es dem christlichen Glauben in seinem Kern nicht um Werte oder gar um Moral geht, sondern um Gottesbeziehung, also um eine zunächst einmal ?wert-lose? Wahrheit. Trotzdem kommt man nicht um die Tatsache herum, dass die europäischen Gesellschaften und Kulturen auf einem Boden gewachsen sind, der seit Jahrhunderten, oft seit bald zwei Jahrtausenden vom Christentum fruchtbar durchdrungen wurde. Es besteht kein Zweifel, dass die Kulturen und Gesellschaften, die Kunst, das Denken, Forschen und Philosophieren in Europa starke Impulse aus dem christlichen Glauben empfangen haben und von diesem entscheidend mitgeprägt worden sind. Wenn die Länder Europas auf ?gemeinsamen Werten? aufbauen können, bedeutet dies deshalb viel mehr, als dass sie sich alle zur Demokratie bekennen und in ihren Verfassungen die Achtung der Menschenrechte verankern. Was Europa wirklich verbindet, sind vielleicht nicht so sehr nur die Inhalte, sondern, grundlegender, die Form seiner Kulturen ? also die Kategorien in denen Kultur und Staat, Glauben und Denken, Religion und Gesellschaft in Europa geistig gefasst werden. Diese Ebene ist freilich schwerer zu explizieren und eignet sich schlecht, um für das politische Tagesgeschäft auf eine griffige Formel gebracht zu werden. Wenn man aber ?europäische Werte?, vielleicht gar ?die Seele Europas? sucht, muss man sich wohl auf dieses Niveau begeben.

S'abonner à ComeceEu sur Twitter
Get our press information and further news for free
europe infos
COMECE | 19, Square de Meeûs | B-1050 Bruxelles | T + 32(0)2 235 05 10
http://www.comece.org/