Sind Gehirnimplantate eine Bedrohung für unsere Gesellschaft?
Ich wurde als Vertreter der COMECE zu einem Runden Tisch eingeladen, die von der EGE, dem Beratungsgremium der Europäischen Kommission für ethische Themen der neuen Technologien, veranstaltet wurde. Es ging um ethische Fragen im Zusammenhang mit Microchips (ICT-Implantate) im menschlichen Körper, insb. im Gehirn. Die Fortschritte in der Psychopharmakologie, der Gehirnchirurgie, der Nanotechnologie, der Informatik und der Genetik sind immens. Sie werden dazu entwickelt werden, neuronale Defekte zu korrigieren und normale Menschen ?besser als gut? zu machen. Dies könnte Behandlungsmöglichkeiten bieten für Patienten, die unter Demenz oder Parkinson leiden. Doch das ist nicht alles.
Bereits heute schlucken Gymnasiasten Ritalin, um sich aufzuputschen, wenn sie einen Intelligenztest absolvieren sollen. Es steht auch zu erwarten, dass die Fähigkeit, das Gehirn zu ?lesen?, dazu genutzt werden wird, Gehirnzustände zu offenbaren. Während ich diesen Artikel schreibe, bemühen sich Anwälte darum, Hirnszintigraphien als Beweis für die Unschuld ihrer Mandaten vorzulegen. Das Problem wird sich verschärfen, wenn immer mehr Menschen ferngesteuerte Elektroden und TMS (Transkranielle Magnetstimulation) verwenden möchten, um ihre Stimmung zu verbessern oder ihre Konzentrationsfähigkeit zu erhöhen. Letztendlich wird es um die Verbesserung der Gehirnkapazität allgemein gehen.
Diese Aussichten sind beängstigend. Die Neurotechnologien sind den ethischen Fragen, die sie aufwerfen, davongaloppiert. Damit einher geht der Alptraum einer ?perfekten Überwachungsgesellschaft?. Schließlich lauert die große Gefahr, dass die Änderung des Wahrnehmungsvermögens unser Verständnis von dem verändern könnte, was es bedeutet, Mensch zu sein.
Der Runde Tisch der EGE war als Anstoß zur Diskussion über die rechtlichen und institutionellen Antworten auf diese komplexen Fragestellungen gedacht. Vier Experten beleuchteten die mit ICT-Implantaten im Gehirn zusammenhängenden Probleme: ein Chirurg, ein Ethiker, ein Vertreter einer Patientengruppe sowie ein Arzt, der mit ICT-Implantaten forscht.
Viele Fragen, wenige Antworten
Die Diskussion konzentrierte sich auf vier Themenbereiche: Zum einen ging es um ?technische? Aspekte. Zum zweiten wurde ein allgemeines Unbehagen gegenüber Gehirnimplantaten in bezug auf die Sicherheit zum Ausdruck gebracht (z.B. mögliche Beteiligung durch das Militär in Form einer ?Doppelverwendung?). Drittens wurden Befürchtungen vor einer Überwachungsgesellschaft geäußert. Die meisten anderen Fragen schließlich betrafen ?klassische? ethische Besorgnisse im Zusammenhang mit der Willensfreiheit des Menschen: Wo endet Therapie, wo beginnt die Leistungssteigerung? Sollte die Willensfreiheit der Patienten jetzt und für alle Zeit garantiert werden? Und wer trägt im Falle einer Fernsteuerung die Verantwortung?
Im gegenwärtigen, alles durchdringenden Neoliberalismus ist es nicht überraschend, dass die Willensfreiheit des Einzelnen ein heiß umstrittenes Thema war. In diesen Fällen ist für gewöhnlich nicht von ?vertikaler Willensfreiheit? die Rede, das heißt von der Frage unserer Beziehung zu Gott. In den heutigen weltlichen Gesellschaften ist die Rede von ?horizontaler Willensfreiheit? ? der Willensfreiheit des Einzelnen in seiner Beziehung zu seinem Arzt (oder jedweder anderen Autorität). Absolute Willensfreiheit gibt es nicht; die Gesellschaft wird ? wenn nötig ? immer das Recht haben, die Forderungen des Einzelnen einzuschränken. Doch die Redner und die anderen Teilnehmer am runden Tisch waren auffallend ruhig, als es um eben diese Einschränkung ging.
Wie dem auch sei, die allgemeine Diskussion machte eines sehr deutlich: es gibt weitaus mehr Fragen als Antworten. In Anbetracht dieser Tatsache besteht die wichtigste Aufgabe nunmehr darin, ausschlaggebende ethische Themen zu identifizieren. Dieses Thema wurde bei dem RundenTisch leider nicht behandelt.


