Würdigung von Papst Johannes Paul II. Ein Gottesmann ist tot
Dankbar erinnere ich mich an meine erste Begegnung mit Karol Wojtyla 1972. Ich war damals gerade Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) geworden. Der damalige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Julius Kardinal Döpfner, Erzbischof von München und Freising, hatte mich gebeten, den Kontakt zur katholischen Kirche Polens zu suchen und den Weg für eine weitere Annäherung der Deutschen und Polnischen Bischofskonferenzen zu ebnen. In jenem Jahr traf ich auch Karol Wojtyla, der damals noch Erzbischof von Krakau war.
Ein Jahr später reiste Kardinal Döpfner nach Polen. Dabei durfte ich ihn begleiten. Unvergesslich ist mir das Gespräch beim Mittagessen im Krakauer Bischofshaus. Wojtyla sagte damals Dinge, die bei Kardinal Döpfner nur Kopfschütteln auslösten. Die polnische Kirche habe von der deutschen Kirche noch viel zu lernen, war eine seiner Thesen. Angesichts der stets vollen polnischen Kirchen war das für uns Deutsche kaum zu verstehen. Wojtyla erklärte:
In Polen sei die Kirche, bedingt vor allem durch den Kommunismus, auf den Klerus konzentriert. Dagegen habe sich in Deutschland ein Volk mündiger Laien gebildet, die die Kirche mittragen und mitgestalten. Das müsse auch das Ziel für die polnische Kirche sein. Weiter äußerte Kardinal Wojtyla, der Kommunismus sei nur eine vorüber gehende Erscheinung und man müsse sich schon jetzt Gedanken um die Gestalt der Kirche in einer postkommunistischen Welt machen. Erst Jahrzehnte später hat sich gezeigt, wie weitsichtig, geradezu visionär dieser bemerkenswerte Mann schon damals war.
Karol Wojtyla hat es, als Erzbischof und dann als Papst, verstanden, die die Würde und Freiheit des Menschen missachtende Dimension der kommunistischen Ideologie, aber auch eine Alternative aufzuzeigen. Er hat dadurch maßgeblich zur Isolierung des Kommunismus beigetragen. Visionär und beharrlich forderte er die Neugestaltung Europas ein. Immer wieder hat er darauf hingewiesen, dass der Aufbau der europäischen Zivilisation sich auf der Anerkennung der Würde des Menschen und seiner unveräußerlichen Grundrechte, der Unantastbarkeit des Lebens, Freiheit und Gerechtigkeit, Brüderlichkeit und Solidarität stütze. Sein eindrückliches Bild eines Europas, das in religiöser, aber auch in kultureller und politischer Hinsicht mit zwei Lungen atmet, wird mir immer im Gedächtnis bleiben.
Als dann der eiserne Vorhang fiel, begleitete Papst Johannes Paul II. mit großer Fürsorge das Zusammenwachsen unseres Kontinents. Ihm war klar, dass die sich entwickelnde Union nicht nur ein geographisches und wirtschaftliches Gebilde ist. Mit großem Nachdruck forderte er, dass sich die Europäische Union vor allem eine kulturelle und spirituelle Verständigung zum Ziel setzen müsse, die durch eine fruchtbare Verflechtung vielzähliger, bedeutsamer Werte und Traditionen Gestalt annimmt. Vor allem aber machte Papst Johannes Paul II. deutlich, dass das Christentum dem europäischen Kontinent einen entscheidenden Beitrag der Erneuerung und der Hoffnung zu bieten hat, indem es mit neuem Elan die stets aktuelle Botschaft Christi, dem alleinigen Erlöser der Menschheit, verkündet.
Papst Johannes Paul II. hat dieses Europa immer wieder aufgefordert, seine Verantwortung in der einen Welt wahrzunehmen. Auch dadurch hat er viele Menschen ermutigt und ihnen Hoffnung vermittelt. Diesem Appell an die Einigkeit nach außen entsprach sein Bemühen um die Verwirklichung von Kollegialität innerhalb der Kirche. Es hat wohl nie so viele Bischofsversammlungen gegeben wie zu seiner Zeit und ich fand es immer wieder beeindruckend, wie selbstverständlich er Bischöfe, die in Rom weilten, zu sich zum Essen einlud. Das hatte es früher nicht gegeben.
Dankbar erinnern muss man in dieser Zeit auch daran, dass Johannes Paul II. den Dialog mit Vertretern anderer Konfessionen gesucht und die Ökumene als den Weg der Kirche bezeichnet hat. In ungewöhnlicher Weise und mit großem Elan hat er sich auch an die Jugend der Welt gewandt und es verstanden, Jugendliche aller Kontinente zu einem Weltjugendtreffen zusammen zu rufen.
Vielleicht kamen die Qualitäten und ureigenen Überzeugungen dieses bemerkenswerten Mannes am besten in seiner Friedenspolitik zum Ausdruck. Immer wieder spürte man seine große Sensibilität gegenüber den Gefährdungen des Lebens, zu denen vor allem anderen der Krieg gehört. Das machte ihn persönlich unruhig, wie man damals beim Irakkonflikt sehen konnte. Bezeichnend für Johannes Paul II. war, dass er mehrfach den Krieg als Niederlage der Menschheit bezeichnet hat.
Tief beeindruckt hat mich in den letzten Jahren auch, mit welcher Geduld und Selbstüberwindung Papst Johannes Paul II. seine Erkrankung bis zuletzt trug und ertrug. Er hat seine Gebrechlichkeit nicht versteckt, sondern, im Gegenteil, hineingetragen in die Welt und damit ein Zeichen der Hoffnung gesetzt, das viele Menschen dankbar aufgenommen haben. Nicht zuletzt dabei wurde deutlich: Das war einer, der aus der Wirklichkeit Gottes heraus lebte.
Gott und Mensch waren bei Karol Wojtyla nicht voneinander zu trennen. Aus dieser aus Gott herrührenden Sehnsucht nach dem Menschen entsprang seine Sorge um eben diesen Menschen und seine sozialen Bedingungen und das Wissen um seine Zerbrechlichkeit. In diesem Sinne darf man Papst Johannes Paul II. als ?Gottesmann? bezeichnen ? ein Ehrenbegriff, der nur großen Persönlichkeiten der Kirchengeschichte zukommt. Mit Karol Wojtyla ist ein solcher Gottesmann gestorben. Papst Johannes Paul II. war ein großartiges Geschenk Gottes für die Kirche, für die Ökumene und für die Welt.


