Ein Gedächtnis, das es wieder zu finden gilt
Dieser Jahrestag fällt mit dem der Schumann-Erklärung zusammen, die der Antrieb der europäischen Integration war. Darüber hinaus feiern wir in diesem Mai auch den ersten Jahrestag des Beitritts der zehn neuen Mitgliedsstaaten in die Europäische Union. Diese drei Ereignisse sind Teil einer und derselben Geschichte, eines und desselben europäischen Gedächtnisses, welches die COMECE dazu veranlasst hat, einen Text über Das Werden der Europäischen Union und die Verantwortung der Katholiken herauszugeben. Diese spirituell und christlich geprägte Auslegung des europäischen Aufbauwerks bietet einen eingehenden und mitreißenden Einblick in das eigentliche Wesen der Europäischen Union.
Der Frieden ist ein unsichtbares Gut
Wir haben das beispiellose Glück, zur ersten Generation zu gehören, die keinen Krieg auf westeuropäischem Boden miterlebt hat. Allerdings scheinen wir dieses Privileg oftmals zu vergessen. Der Text über Das Werden der Union befasst sich in seiner Abhandlung über die Geschichte mit der Erklärung von Robert Schuman, die als spiritueller europäischer Gründungsakt auch die Identität eines jeden europäischen Aufbauwerks zum Ausdruck bringt. So gesehen erscheint der Frieden als ein vorrangiger Wert, taucht er doch zu Beginn der Erklärung als eines der Ziele Europas auf. Dieser Frieden darf jedoch nicht nur in der Abwesenheit von Konflikten, von Kriegen bestehen. Der Frieden fordert schöpferische Anstrengungen von uns, so Schuman. Der durch die Gründung einer internationalen Organisation für Kohle und Stahl angebotene Vorschlag zur Versöhnung und zur Solidarität schuf eine neue Qualität der Beziehungen zwischen den traditionell Krieg führenden Staaten. Die Kühnheit des Schuman-Programms, das den Frieden als Ziel, die Freiheit als Grundsatz und die Solidarität als Methode anstrebte, bleibt ad intra wie ad extra ein gültiges Modell für die europäische Politik.
Die Schuman-Erklärung zeugt von einem wahrhaften Sieg, einem Sieg, der womöglich über den reinen Sieg über den Nazismus hinausgeht. Es handelt sich vielmehr um den Sieg über den Hass, über die schmutzige Logik von Siegern und Besiegten, den Sieg über den Wunsch nach Rache. Insofern ist es der Sieg des europäischen Geistes. Dieser Sieg, der zum konkreten Aufbau der ersten europäischen Institutionen geführt hat, geht somit mit dem militärischen Sieg von 1945 einher und verleiht dem gemeinsamen Gedächtnis der EuropäerInnen einen Sinn.
Gemeinsames Gedächtnis
Es bedurfte aber noch eines weiteren Siegs, um zu dieser Vereinigung zu kommen, die zur jüngsten Erweiterung geführt hat. Der 60. Jahrestag des Zweiten Weltkriegs hat uns daran erinnert, dass das Kriegsende für gewisse Länder der Beginn einer neuen Tyrannei durch die stalinistische Sowjetunion dargestellt hat. In einer eigens zu dieser Gelegenheit vom Europäischen Parlament herausgegebenen Entschließung wird neben dem Zweiten Weltkrieg und seinen Opfern, allem voran denen des Holocausts, auch des Leidens gedacht, das der sowjetische Staat über die osteuropäischen Länder gebracht hat. In diesem Lichte wird deutlich, dass der Sieg über die Gräueltaten des Kriegs und der Sturz der entwürdigenden totalitären Systeme Teil eines und desselben europäischen Gedächtnisses sind.
Während der Präsentation des Dokuments Das Werden der Europäischen Union am Sitz des Sekretariats der COMECE in Brüssel am 12. Mai unterstrich EU-Kommissar Ján Figel den grundsätzlichen Unterschied zwischen dem europäischen Aufbauwerk, welches auf dem Prinzip des Friedens beruht, und den totalitären Systemen, die zum Krieg geführt haben. Er zitierte die grausamen, von Stalin kurz vor Kriegsbeginn im August 1939 ausgesprochenen Worte. Damals sagte Stalin, dass der Krieg das einzige Mittel sei, den Kommunismus in die ganze Welt zu tragen. Seine Politik gründete sich auf den Klassenkampf. Europa dagegen lebt vom Prinzip der Solidarität. So findet Europa sein gemeinsames Gedächtnis im Sieg über jegliches totalitäre System wieder, welches im Hass verwurzelt ist.
« Wenn man Europa sagt, soll das Öffnung heißen »
In seinem Apostolischen Schreiben Ecclesia in Europa, unterstreicht Johannes Paul II.: Wenn man « Europa » sagt, soll das « Öffnung » heißen. Dies ist vielleicht die schönste Definition von Europa, welches sich in der Tat [?] dadurch aufgebaut hat, dass es über die Meere hinweg auf andere Völker, andere Kulturen, andere Zivilisationen zugegangen ist . Diese phänomenale Fähigkeit hat Europa stets dazu bewegt, über seine Grenzen hinauszugehen. Da sind zum einen die inneren Grenzen, die Grenzen des Grolls, der schmerzhaften Erinnerungen, der Trennungen. Diese innere Fähigkeit äußert sich aber auch in einer konkreten Haltung der BürgerInnen. Als Erzbischof Hippolyte Simon den unter seiner Ägide verfassten Text vorstellte, erzählte er eine Geschichte, die er in Polen erlebt hatte. Nach der Verhängung des Kriegszustands 1981 organisierte er Lebensmittelkonvois. Einmal, als er nach Krakau kam, dankte ihm Kardinal Macharski und sagte ihm, selbst wenn er mit leeren Lastwagen gekommen wäre, wäre dies bereits eine Hilfe gewesen. Für die Polen war es sehr wichtig zu wissen, dass die Grenzen nicht völlig dicht waren und dass sie nicht ihrem Schicksal überlassen waren.
Die Verantwortung der Katholiken innerhalb der Europäischen Union ist in erster Linie eine Verantwortung der BürgerInnen. Das Christentum kennt keine politischen Präferenzen. Die Gläubigen haben eine gemeinsame Überzeugung : Die Unterscheidung zwischen Religion und Politik [?] zwischen dem Spirituellen und dem Vergänglichen. Die treibende Kraft des christlichen Handelns im gesellschaftlichen Leben ist das Evangelium von den Seligpreisungen. Das Herz eines Armen zu besitzen, sanftmütig und barmherzig zu sein? ist kein politisches Programm, sondern verleiht dem Leben einen Sinn und inspiriert unser tägliches Handeln. Die Kirche nimmt teil an der Qualität der sozialen Bindungen und an der Bildung des freien und verantwortungsvollen Bürgers, so heißt es in dem Text.
Wird es Europa gelingen, seine tief sitzendes Gedächtnis wieder zu finden ? Wird es ihm im Laufe seiner Erweiterungen gelingen, sich in der Tiefe zu vereinen, im geographischen wie im spirituellen Sinne? Der Text der COMECE scheint denen zu Hilfe zu eilen, die bei den Antworten auf diese Fragen Zweifel hegen. Wir alle haben eine wichtige Aufgabe: wir müssen uns gegenseitig besser kennen lernen, um geeint bleiben zu können. Hier liegt eine andere Dimension des Integrationsprozesses.


