Und Orange blüht noch immer ?
Die Orange Revolution war der Augenblick, in dem die seit langem leidende Seele eines Volks sich in einem seltenen Moment der Geschichte endlich ohne Angst und ohne Fesseln äußern durfte. Es war ein bedeutender Augenblick, der die Menschen noch heute inspiriert.
Die ?revolutionären? Nachwirkungen sind in erster Linie in der Presse spürbar. Die Medien berichten ungestört über alle Themen. Sie kritisieren die höchsten Amtsträger und das ohne Repressalien. Die Redefreiheit hat sich durchgesetzt und lässt sich nicht mehr vertreiben. Politische Führungskräfte verteidigen öffentlich das Recht, selbst wenn sie von der Presse verurteilt werden.
Vor mehreren Monaten wurde aufgrund interner Konflikte das Kabinett aufgelöst. Verhaftet, geächtet, ins Gefängnis oder ins Exil geschickt wurde jedoch niemand. Auch wenn es ein schwieriger Moment für die junge Regierung war, war es doch ein guter Test für die Verpflichtung zur Rechtsstaatlichkeit. Reife misst sich weniger nach Erfolg, als nach der Fähigkeit, mit Konflikten umzugehen.
Gute Gesetze sind seit der Revolution erlassen worden, von denen viele dem dringenden Bedarf der Gesellschaft entsprachen. 96% der RentnerInnen leben in Armut: heute erhalten sie alle sechs Monate eine den Lebenshaltungskosten angepasste Rentenerhöhung. Der Mindestlohn wurde angehoben. In der Vergangenheit erhielten Staatsangestellte oft ihren Lohn nicht. Die ehemalige Regierung schuldete ihnen insgesamt 2 Milliarden $. Die neue Regierung hat damit begonnen, diese Schuldenlast gegenüber ihren Angestellten abzubauen. Visabeschränkungen für westliche Länder wurden fast vollständig abgeschafft, eine in Russland undenkbare Entwicklung. Die Ukraine ist einem südosteuropäischen Verteidigungsbündnis beigetreten, ein weiterer Schritt zur Integration des Landes.
Weniger erfolgreich dagegen ist der Kampf gegen die korrupten Bürokratien: Grenz- und Aufsichtsbehörden, Betriebsgenehmigungen. Als die Regierung das Ende der Korruption an den Grenzen ankündigte, drohten die Grenzbehörden mit dem Ende der Güterabwicklung. Diese Pattsituation dauerte 5 Monate, bis die Regierung sich inoffiziell damit einverstanden erklärte, die Korruption bis zu einem bestimmten Maß zu dulden ? ein kleiner, aber erträglicher Profit im postsowjetischen Leben. Jeder Ukrainer, der ein Unternehmen gründen möchte, muss laut Gesetz 107% seines Einkommens an Steuern zahlen oder aber die Richtigen im System bestechen. Bürokratische Ineffizienz und Korruption sind somit die größten Hürden auf dem Weg zu sozialer und wirtschaftlicher Erneuerung.
Die Ukrainer wissen, dass der Wandel nicht von heute auf morgen kommt. Aus diesem Grunde haben es die 7-10 Millionen Ukrainer, die in den letzten 8 Jahren ihr Land auf der Suche nach Arbeit verlassen haben, nicht eilig zurückzukehren. Es gibt wirtschaftlichen Fortschritt, aber ungleichmäßig. Die Ukraine sollte eigentlich reich sein, ist es aber nicht. Die Menschen sind gebildet, ?können? aber nicht. Dies ist das Dilemma, in dem das Land zurzeit steckt.
Die Orange Revolution hat den Menschen erlaubt, öffentlich die Frage der ukrainischen Identität zu stellen. Dies ist zwar kompliziert, aber aus sozio-spirituellen Gründen auch wichtig. Das vergangene Jahrhundert hat viel Leid über das Land gebracht: Kriege, Hungersnöte, Unterdrückung, Zwangsumsiedelungen, Pogrome, Exil und zahllose politisch motivierte Morde. Die Vergangenheit ist noch zu lebendig, um sie ohne Ärger anzugehen, doch haben die Gespräche begonnen. Der Wunsch nach spiritueller Freiheit und nationaler Einheit ist stärker als die historisch bedingten ideologischen Unterschiede, doch wird es noch dauern, bis die ganze Geschichte ohne gegenseitige Schuldzuweisungen erzählt werden kann. Seit den Wahlen im vergangenen Jahr haben die regionalen Spannungen nachgelassen. Nach den nächsten Parlamentswahlen im März werden wir mehr wissen.
Mehrere führende Politiker sprechen offen den moralischen Kampf für die Seele der Nation an. Unterstützt werden sie darin durch religiöse Führer, die nach einer moralischen Grundlage zur Stärkung des Landes und seiner hoffnungsträchtigen Reformbemühungen suchen. Kardinal Husar setzt sich für den Dialog zwischen christlichen Akademikern, Fachleuten und Politikern ein, im Blick auf einen gemeinsamen Gedankenaustausch über eine gerechte Gesellschaft und eine christlich ausgerichtete und sehr menschliche Vision von Staat, nach dem Vorbild dessen, was nach dem Zweiten Weltkrieg in Frankreich, Deutschland und Italien geschah. Die Orange Revolution bietet ganz eindeutig das Rohmaterial, mit dem dies getan werden kann. Hierin liegt mit Sicherheit die Einladung Gottes an die Kirchen in der Ukraine, der Nation Gerechtigkeit, Liebe und Güte zu verkünden und in Ehrfurcht den Weg mit ihrem Gott zu gehen.


